KAGEDEV — Kamerunische Gemeinschaft in Deutschland e.V.
Plaidoyer · JugendVeröffentlicht

Berufliche Eingliederung junger Hochschulabsolventen in Kamerun

In Kamerun sind Hochschulabsolventen fünfmal häufiger arbeitslos als Menschen ohne Schulbildung. Ein Diplom öffnet nicht automatisch eine Tür zum Arbeitsmarkt, es kann sogar zu einer langen Wartezeit führen. KAGEDEV fordert von MINEFOP, FNE und ONEFOP konkrete, messbare Schritte, damit Ausbildung wieder zu Beschäftigung führt, mit klaren Fristen und öffentlich nachvollziehbaren Zahlen.

Stand: 2026-09-13Als PDF herunterladen

Auf einen Blick

  • Ein Hochschulabschluss senkt in Kamerun aktuell nicht das Arbeitslosigkeitsrisiko, er erhöht es im Vergleich zu Menschen ohne Schulbildung.
  • Bestehende Programme wie JEME zeigen Wirkung, aber ihre kumulierten Zahlen verschleiern die jährliche Erfolgsrate.
  • Der politische Rahmen (SND30, PSPE-Jeunes) existiert bereits, es fehlt an überprüfbarer Umsetzung.
  • Junge Absolventen brauchen verlässliche Arbeitsmarktinformationen, um fundierte Ausbildungsentscheidungen zu treffen.
  • Eine strukturierte, wiederkehrende Konsultation mit jungen Absolventen fehlt bislang vollständig.

Zahlen im Überblick

14,8% Arbeitslosigkeit bei Hochschulabsolventen (25-35 Jahre) gegenüber 3% bei Menschen ohne Schulbildung
8,1% Jugendarbeitslosigkeit (15-34 Jahre), Gesamtarbeitslosigkeit rund 4,2% (2023)
23% NEET-Quote bei 15-24-Jährigen (2024), gegenüber 21% (2019)
Über 106.000 durch FNE ausgebildete und über 8.000 vermittelte Hochschulabsolventen (27-Jahres-Bilanz)
Rund 90% der Arbeitsplätze im informellen Sektor

Worum geht es?

Ein junger Mensch in Kamerun schließt sein Studium ab, oft nach Jahren der Anstrengung und mit den Hoffnungen einer ganzen Familie im Rücken. Und dann beginnt eine andere Art von Wartezeit. Sie kann Monate dauern, manchmal Jahre. Dieses Plaidoyer beschäftigt sich mit einem Widerspruch, der in Kamerun besonders sichtbar ist: Je höher der Bildungsabschluss, desto höher das Risiko, arbeitslos zu bleiben. Das betrifft nicht nur Einzelschicksale. Es stellt die Frage, wofür ein Bildungssystem eigentlich da ist, wenn seine Absolventen am Ende schlechter dastehen als Menschen ohne Schulbesuch. Es geht hier nicht darum, das Bildungssystem in Frage zu stellen. Es geht darum, die Brücke zwischen Ausbildung und Arbeitsmarkt zu stärken, dort wo sie heute brüchig ist.

Wen betrifft es?

Direkt betroffen sind junge Hochschulabsolventen zwischen 25 und 35 Jahren, die eine Ausbildung abgeschlossen haben und keine Anstellung finden, die ihrer Qualifikation entspricht. Indirekt betrifft es ihre Familien, die oft die Studienkosten getragen haben und auf eine Rückkehr dieser Investition warten. Es betrifft auch die kamerunische Diaspora in Deutschland, deren Mitglieder Angehörige zu Hause haben, die trotz Diplom keine Perspektive finden, und die manchmal selbst überlegen, ob eine Rückkehr nach Kamerun wirtschaftlich sinnvoll wäre. Betroffen sind schließlich die Institutionen selbst, deren Auftrag es ist, diese Situation zu ändern, und die an ihren eigenen Zielen gemessen werden sollten.

Was zeigen die Daten?

Die Arbeitslosigkeit bei 25 bis 35-Jährigen mit Hochschulabschluss liegt laut INS (über Sikafinance) bei 14,8 Prozent. Zum Vergleich: Bei Menschen ohne Schulbildung sind es 3 Prozent, bei Personen mit Grundschulabschluss 4,2 Prozent, mit Sekundarstufe I 7,2 Prozent und mit Sekundarstufe II 10,2 Prozent. Der Abstand zwischen den beiden Extremen entspricht dem Faktor 5. Das Erhebungsjahr dieser Zahlen ist in der Quelle nicht eindeutig angegeben und sollte direkt bei INS oder EESI bestätigt werden. Weitere Zahlen bestätigen das Ausmaß des Problems, auch wenn sie eine andere Altersgruppe oder Methodik betreffen. Die Jugendarbeitslosigkeit bei 15 bis 34-Jährigen liegt laut INS (über Datacameroon) bei 8,1 Prozent, gegenüber einer Gesamtarbeitslosigkeit von rund 4,2 Prozent (2023). Etwa 75 Prozent der Erwerbsbevölkerung gelten als unterbeschäftigt, und rund 90 Prozent der Arbeitsplätze befinden sich im informellen Sektor. Die NEET-Quote, also der Anteil junger Menschen zwischen 15 und 24 Jahren, die weder in Ausbildung noch in Beschäftigung sind, ist laut Weltbank von 21 Prozent (2019) auf 23 Prozent (2024) gestiegen. Der FNE (Fonds National de l'Emploi) verweist auf eine 27-jährige Bilanz: über 106.000 ausgebildete Personen und über 8.000 vermittelte Hochschulabsolventen. Das Programm JEME verfügt über ein Budget von 17,7 Milliarden FCFA. Diese Zahlen sind kumuliert über 27 Jahre erhoben, eine jährliche Vermittlungsrate lässt sich daraus nicht ableiten, was die tatsächliche Wirkung schwer einschätzbar macht.

Warum besteht Handlungsbedarf?

Eine Arbeitslosenquote, die mit dem Bildungsniveau steigt, sendet ein Signal, das über Wirtschaftsstatistik hinausgeht. Sie sagt jungen Menschen, dass der Weg über Bildung, den ihnen Eltern, Lehrer und der Staat selbst empfohlen haben, nicht die erwartete Sicherheit bietet. Das untergräbt Vertrauen, und zwar nicht nur bei den Betroffenen, sondern in der gesamten kamerunischen Diaspora, die diese Entwicklung aus der Ferne mitverfolgt und oft finanziell mitträgt. Es gibt bereits einen politischen Rahmen, der in die richtige Richtung weist: die SND30, die Nationale Beschäftigungspolitik, der geplante Sonderplan zur Förderung der Jugendbeschäftigung (PSPE-Jeunes, 2026) und neue kommunale Arbeitsvermittlungsstellen. Das zeigt, dass das Problem erkannt ist. Was fehlt, ist eine überprüfbare Umsetzung mit klaren Zwischenzielen, an denen sich Fortschritt tatsächlich ablesen lässt.

Was muss sich ändern?

  1. MINEFOP soll bis Ende 2027 eine jährliche, öffentlich zugängliche Statistik zur Vermittlungsrate von Hochschulabsolventen einführen, aufgeschlüsselt nach Fachrichtung und Region, damit Fortschritt tatsächlich messbar wird.
  2. FNE soll für Programme wie JEME eine jährliche statt eine kumulierte Berichterstattung einführen, mit konkreten Zielzahlen für vermittelte Hochschulabsolventen pro Jahr, überprüfbar durch einen unabhängigen Bericht.
  3. ONEFOP soll bis 2027 eine öffentlich einsehbare Arbeitsmarktanalyse veröffentlichen, die aufzeigt, welche Studienrichtungen zu Beschäftigung führen und welche nicht, damit junge Menschen ihre Ausbildungswahl mit besseren Informationen treffen können.
  4. MINJEC soll gemeinsam mit FNE ein Begleitprogramm für Berufseinsteiger einrichten, das Berufsberatung, Praktikumsvermittlung und Unternehmensgründung umfasst, mit einer ersten Zwischenbilanz nach 18 Monaten.
  5. Die zuständigen Ministerien sollen einen strukturierten Konsultationsmechanismus mit Hochschulabsolventen und ihren Vertretungen einrichten, der über einmalige Veranstaltungen wie PROMOTE-Foren hinausgeht und regelmäßig tagt.

An wen richten sich unsere Forderungen?

In erster Linie an MINEFOP, das die Hauptverantwortung für Beschäftigungspolitik trägt. Ebenso an FNE, das die operative Umsetzung der Vermittlungsprogramme verantwortet, an MINJEC für die Jugendpolitik, an ONEFOP für die Arbeitsmarktbeobachtung und an INS für verlässliche und aktuelle Statistiken. KAGEDEV wendet sich an diese Institutionen als Partner, nicht als Gegner, im Interesse einer Diaspora, die an der Entwicklung Kameruns mitwirken will.

Was kann kurzfristig geschehen?

In den kommenden 12 bis 24 Monaten kann MINEFOP damit beginnen, bestehende Daten von INS und FNE zusammenzuführen und eine erste jährliche Vermittlungsstatistik zu veröffentlichen, auch wenn sie zunächst noch unvollständig ist. FNE kann für das Programm JEME eine Zwischenbilanz für 2026 vorlegen, die von den kumulierten Zahlen zu einer jährlichen Betrachtung übergeht. ONEFOP kann eine erste Fassung der Arbeitsmarktanalyse veröffentlichen, auch als Pilotprojekt in wenigen Regionen. Diese Schritte kosten wenig, weil sie größtenteils auf vorhandenen Daten aufbauen, und sie schaffen die Grundlage, auf der weitere Reformen überhaupt bewertet werden können.

Was ist langfristig nötig?

Langfristig braucht Kamerun ein Beschäftigungssystem, in dem Hochschulausbildung tatsächlich zu Beschäftigung führt, und das bei allen Fachrichtungen, nicht nur bei einigen wenigen. Das setzt voraus, dass sich Hochschulen, FNE und private Arbeitgeber regelmäßig abstimmen, damit Ausbildungsinhalte den tatsächlichen Bedarf des Arbeitsmarkts widerspiegeln. Es setzt auch voraus, dass der Sonderplan PSPE-Jeunes ab 2026 nicht als einmalige Initiative bleibt, sondern durch feste, wiederkehrende Budgetlinien abgesichert wird. Der informelle Sektor, der laut den vorliegenden Daten rund 90 Prozent der Arbeitsplätze stellt, muss dabei mitgedacht werden, denn viele Absolventen werden ihn zumindest übergangsweise durchlaufen.

Wie messen wir Fortschritt?

  • Jährliche Arbeitslosenquote der Hochschulabsolventen 25-35 Jahre, veröffentlicht durch INS
  • Anzahl der jährlich (nicht kumuliert) durch FNE vermittelten Hochschulabsolventen
  • Veröffentlichung einer jährlichen ONEFOP-Arbeitsmarktanalyse nach Fachrichtung
  • Anzahl der neu eingerichteten kommunalen Arbeitsvermittlungsstellen und ihre tatsächliche Auslastung
  • Fortschritt bei der Umsetzung des PSPE-Jeunes gegenüber dem angekündigten Zeitplan

Unsere Haltung

KAGEDEV vertritt keine Partei und stellt sich hinter keine politische Formation. Wir sprechen als Vertretung einer Gemeinschaft, die die Entwicklung Kameruns aus der Nähe verfolgt, weil viele unserer Mitglieder selbst studiert haben oder Kinder haben, die in Kamerun studieren. Unser Anliegen ist nicht die Kritik an einzelnen Institutionen, sondern die Unterstützung eines Systems, das für junge Menschen tatsächlich funktioniert.

Dialog und Zusammenarbeit

KAGEDEV steht bereit, mit MINEFOP, FNE, ONEFOP und weiteren zuständigen Stellen in einen fachlichen Austausch zu treten. Wir laden diese Institutionen ein, mit uns über die vorgeschlagenen Indikatoren und Fristen zu sprechen, sie zu präzisieren oder anzupassen. Ein solcher Dialog kann in Kamerun selbst stattfinden oder über die Diaspora-Netzwerke in Deutschland, je nachdem, was praktikabel ist.

Quellen und Methodik

Die Zahlen zur Arbeitslosigkeit nach Bildungsniveau stammen vom Institut National de la Statistique (INS), zitiert über Sikafinance; das genaue Erhebungsjahr ist zu bestätigen. Die Zahlen zu Jugendarbeitslosigkeit, Gesamtarbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und informellem Sektor stammen ebenfalls vom INS, zitiert über Datacameroon als Sekundärquelle. Die NEET-Quote stammt von der Weltbank (Indikator SL.UEM.NEET.ZS). Die Angaben zum FNE und zum Programm JEME stammen von Investir au Cameroun und beziehen sich auf eine kumulierte 27-Jahres-Bilanz. Die Angaben zum politischen Rahmen (SND30, Nationale Beschäftigungspolitik, PSPE-Jeunes, kommunale Arbeitsvermittlungsstellen) stammen von MINEFOP. Es liegt keine dokumentierte strukturierte Konsultation zu diesem Thema vor. ---