KAGEDEV — Kamerunische Gemeinschaft in Deutschland e.V.
Plaidoyer · JugendVeröffentlicht

Begleitung vertriebener Jugendlicher in der anglophonen Krise Kameruns

In den anglophonen Regionen Kameruns haben über 700.000 Kinder und Jugendliche keinen angemessenen Zugang zu Bildung. Die Krise dauert seit Jahren an, die Zahlen bleiben hoch. KAGEDEV fordert von der nationalen humanitären Koordination, MINAS und den zuständigen Bildungsministerien konkrete, terminierte Schritte für den Schutz und die Bildung dieser Jugendlichen, gestützt auf aktuelle, überprüfte Daten.

Stand: 2026-09-13Als PDF herunterladen

Auf einen Blick

  • Über 700.000 Kinder und Jugendliche in Nordwest und Südwest haben aktuell keinen angemessenen Bildungszugang.
  • 41 Prozent der Schulen in den betroffenen Regionen waren 2024 nicht funktionsfähig (Zahl noch mit OCHA gegenzuprüfen).
  • Bestehende Reaktionspläne existieren, es fehlt an strukturierter Einbeziehung der betroffenen Jugendlichen selbst.
  • Ältere Zahlen aus 2018 dürfen nicht als aktuelle Lage missverstanden werden, die Krise hat sich seither verändert.
  • Humanitäre Mittel für 2026 müssen nachvollziehbar auch der Bildung zugutekommen, nicht nur der Nothilfe.

Zahlen im Überblick

Über 1,8 Millionen Menschen mit humanitärem Bedarf (Stand 31.12.2024)
Über 584.000 Binnenvertriebene, 2,1 Millionen Zwangsvertriebene landesweit, mehr als die Hälfte Kinder
Über 700.000 Schüler und Studierende ohne angemessene Bildung
41% der Schulen in Nordwest/Südwest 2024 nicht funktionsfähig (Presse, mit OCHA-Bildungscluster gegenzuprüfen)
53,8 Mio. USD UNICEF-Bedarf 2026 für 1,4 Mio. Menschen, davon 1,1 Mio. Kinder

Worum geht es?

Seit Jahren leben Kinder und Jugendliche im Nordwesten und Südwesten Kameruns unter Bedingungen, die ihre Bildung und ihre Entwicklung erschweren. Schulen sind geschlossen oder funktionieren nur eingeschränkt, Familien sind auf der Flucht, manche mehrfach. Während unser separates Plaidoyer zum Schulausfall in dieser Region die Bildungsinfrastruktur und den staatlichen Wiederaufbauplan PPRD-NOSO in den Mittelpunkt stellt, richtet dieses Plaidoyer den Blick auf die humanitäre und psychosoziale Situation der Jugendlichen selbst, ohne sie einzeln zu benennen und ohne ihre Aufenthaltsorte zu nennen. Es geht nicht um eine politische Bewertung des Konflikts. Es geht um eine einfache Frage: Was braucht eine Generation, die einen Großteil ihrer Kindheit oder Jugend in einer humanitären Krise verbringt, um trotzdem eine Zukunft aufzubauen. Die Zahlen, die im Folgenden vorgestellt werden, sind aktuell und stammen aus überprüfbaren Quellen. Ältere Angaben, etwa aus dem Jahr 2018, werden hier bewusst nicht als aktuelle Lage zitiert, denn die Situation hat sich seither verändert, und meist nicht zum Besseren.

Wen betrifft es?

Betroffen sind Kinder und Jugendliche in den Regionen Nordwest und Südwest, die zur Schule gehen sollten und es aktuell nicht oder nur eingeschränkt können. Betroffen sind auch ihre Familien, von denen viele selbst vertrieben wurden und provisorisch leben. Die kamerunische Diaspora in Deutschland ist ebenfalls betroffen, weil viele ihrer Mitglieder Verwandte in diesen Regionen haben und aus der Ferne miterleben, wie sich die Lage entwickelt, oft ohne verlässliche Informationen und ohne die Möglichkeit, direkt zu helfen. Diese Situation betrifft schließlich auch jene, die in Kamerun und international für humanitäre Hilfe und Bildung zuständig sind, und deren Aufgabe es ist, hier Antworten zu liefern.

Was zeigen die Daten?

Nach Angaben von UNICEF (SitRep, Stand 31.12.2024) haben über 1,8 Millionen Menschen humanitären Bedarf, mehr als 584.000 Menschen sind landesweit als Binnenvertriebene erfasst. Landesweit sind laut UNICEF Appeal Cameroon 2,1 Millionen Menschen zwangsvertrieben, wenn man Binnenvertriebene, Rückkehrer, Flüchtlinge und Asylsuchende zusammen betrachtet. Mehr als die Hälfte davon sind Kinder. Presseberichte und Analysen, die noch mit den Angaben des Bildungsclusters von OCHA gegengeprüft werden sollten, beziffern die Zahl der Schüler und Studierenden ohne angemessene Bildung auf über 700.000. Im Jahr 2024 waren 41 Prozent der Schulen im Nordwesten und Südwesten nicht funktionsfähig; auch diese Zahl beruht auf Presseberichten und ist noch mit dem Bildungscluster von OCHA abzugleichen, bevor sie als gesichert gelten kann. Für 2026 beziffert UNICEF den humanitären Bedarf auf 53,8 Millionen US-Dollar, um 1,4 Millionen Menschen zu erreichen, davon 1,1 Millionen Kinder. Eine ältere Zahl aus dem Jahr 2018, rund 400.000 Vertriebene und 40.000 Flüchtlinge in Nigeria, ist veraltet und wird hier nicht als Beschreibung der aktuellen Lage verwendet. Sie zeigt jedoch, dass die Krise bereits seit vielen Jahren andauert, ohne dass eine dauerhafte Lösung in Sicht wäre.

Warum besteht Handlungsbedarf?

Eine ganze Generation von Kindern in Nordwest und Südwest wächst gerade mit unterbrochener oder fehlender Bildung auf. Das ist keine vorübergehende Störung, die sich von selbst löst, wenn die Krise irgendwann endet. Ein Kind, das mehrere Schuljahre verpasst, holt diese Zeit nicht automatisch nach. Die Folgen reichen über die aktuelle Krise hinaus, in die wirtschaftliche und soziale Zukunft der betroffenen Regionen und des ganzen Landes. Es gibt Reaktionsrahmen, die bereits existieren: den humanitären Reaktionsplan Kameruns im Rahmen des OCHA-Zyklus, den Cameroon Crisis Response Plan 2025-2026 der IOM und die Bildungscluster-Strategie für Nordwest und Südwest 2023-2025. Diese Rahmen zeigen, dass die internationale und nationale Ebene das Problem erkannt haben. Was fehlt, ist eine belastbare, wiederkehrende Einbeziehung der Jugendlichen selbst, deren Stimme in keiner der bekannten Konsultationen seit den multisektoralen Schnellbewertungen von 2018 systematisch erfasst wurde.

Was muss sich ändern?

  1. MINEDUB und MINESEC sollen bis 2027 gemeinsam mit dem Bildungscluster einen Plan vorlegen, der die Wiedereröffnung oder funktionale Wiederherstellung von Schulen in Nordwest und Südwest terminiert und öffentlich nachverfolgbar macht.
  2. Die nationale humanitäre Koordination soll für den nächsten Berichtszeitraum eine öffentliche Zwischenbilanz zum Anteil funktionsfähiger Schulen vorlegen, mit dem Ziel, den aktuellen Wert von 41 Prozent nicht funktionsfähiger Schulen deutlich zu senken.
  3. MINAS soll gemeinsam mit UNICEF ein Programm für psychosoziale Begleitung vertriebener Jugendlicher einrichten oder ausbauen, mit jährlicher Berichterstattung über die Zahl der erreichten Kinder und Jugendlichen.
  4. Der Bildungscluster (OCHA) soll ab 2026 einen strukturierten, wiederkehrenden Konsultationsmechanismus mit Jugendlichen aus den betroffenen Regionen einrichten, der über einmalige Schnellbewertungen hinausgeht.
  5. UNICEF, UNHCR und die zuständigen Ministerien sollen sicherstellen, dass die für 2026 veranschlagten 53,8 Millionen US-Dollar an humanitären Mitteln zu einem festgelegten Anteil, überprüfbar, in Bildungsmaßnahmen für Kinder und Jugendliche fließen.

An wen richten sich unsere Forderungen?

An die nationale humanitäre Koordination unter der Verantwortung des Premierministers und der Gouverneure von Nordwest und Südwest, an MINAS für den sozialen Schutz, an MINEDUB und MINESEC für die Bildungspolitik. Ebenso an UNICEF, UNHCR, OCHA und den Bildungscluster, die auf technischer Ebene die humanitäre Antwort koordinieren. KAGEDEV wendet sich an diese Akteure mit dem Wunsch nach Zusammenarbeit, im Bewusstsein, dass Verbesserungen in dieser Krise nur gemeinsam erreichbar sind.

Was kann kurzfristig geschehen?

In den kommenden 12 bis 24 Monaten kann der Bildungscluster gemeinsam mit MINEDUB eine aktualisierte Bestandsaufnahme der Schulsituation in Nordwest und Südwest veröffentlichen, um die Zahl von 41 Prozent nicht funktionsfähiger Schulen (2024) mit aktuellen Daten zu vergleichen. MINAS kann in Zusammenarbeit mit UNICEF bestehende psychosoziale Angebote kartieren und dort ausbauen, wo sie am dringendsten fehlen. Die nationale humanitäre Koordination kann eine erste, auch begrenzte Konsultation mit Jugendlichen aus den betroffenen Regionen organisieren, etwa über bestehende Strukturen von Bildungs- oder Jugendorganisationen vor Ort. Diese Schritte sind realistisch innerhalb des laufenden Reaktionsplans umsetzbar und schaffen eine Grundlage für tiefergehende Reformen.

Was ist langfristig nötig?

Langfristig braucht es einen Bildungszugang für Kinder und Jugendliche in Nordwest und Südwest, der nicht mehr an die Entwicklung des Konflikts gekoppelt ist. Das bedeutet, in stabile Schulinfrastruktur zu investieren, auch dort, wo die Sicherheitslage schwierig bleibt, mit Lösungen, die an lokale Gegebenheiten angepasst sind. Es bedeutet auch, psychosoziale Begleitung nicht als Nothilfe, sondern als dauerhaften Bestandteil der Bildungs- und Sozialpolitik zu verankern, denn viele dieser Jugendlichen werden die Folgen der Krise über Jahre mit sich tragen. Und es bedeutet, dass Jugendliche selbst regelmäßig gehört werden, nicht nur in Krisenmomenten, sondern als fester Teil der Planung, die ihre eigene Zukunft betrifft.

Wie messen wir Fortschritt?

  • Anteil funktionsfähiger Schulen in Nordwest und Südwest, jährlich erhoben durch den Bildungscluster
  • Anzahl der Kinder und Jugendlichen mit Zugang zu psychosozialer Begleitung durch MINAS/UNICEF
  • Höhe und Anteil der humanitären Mittel, die tatsächlich in Bildungsmaßnahmen fließen
  • Anzahl durchgeführter, dokumentierter Konsultationen mit Jugendlichen aus den betroffenen Regionen
  • Entwicklung der Zahl der Binnenvertriebenen und der Menschen mit humanitärem Bedarf laut UNICEF-Berichten

Unsere Haltung

KAGEDEV nimmt in diesem Plaidoyer keine Stellung zu den politischen Ursachen der Krise in Nordwest und Südwest. Unser Anliegen gilt den Kindern und Jugendlichen, die unabhängig von jeder politischen Position Bildung, Schutz und eine Perspektive brauchen. Wir sprechen bewusst ohne Einzelschicksale und ohne Ortsangaben, aus Respekt vor der Sicherheit der Betroffenen. Wir sind eine Gemeinschaft, die aus der Ferne mitfühlt und mitdenkt, nicht eine Organisation vor Ort, und wir formulieren unsere Forderungen entsprechend zurückhaltend und faktenbasiert.

Dialog und Zusammenarbeit

KAGEDEV sucht den Austausch mit UNICEF, UNHCR, OCHA und dem Bildungscluster sowie mit den zuständigen kamerunischen Ministerien, um die vorgeschlagenen Forderungen zu besprechen und, wo nötig, anzupassen. Wir sind offen für Rückmeldungen von Organisationen, die vor Ort tätig sind und über aktuellere oder detailliertere Informationen verfügen als die hier zusammengetragenen. Ein Dialog auf Augenhöhe ist uns wichtiger als eine schnelle, aber unvollständige Aussage.

Quellen und Methodik

Die Zahlen zu humanitärem Bedarf und Binnenvertriebenen stammen aus dem UNICEF SitRep vom 31.12.2024. Die Zahl der landesweiten Zwangsvertriebenen sowie der Kinderanteil stammen aus dem UNICEF Appeal Cameroon, ebenso die Angaben zum humanitären Bedarf 2026 (53,8 Millionen US-Dollar für 1,4 Millionen Menschen, davon 1,1 Millionen Kinder). Die Angaben zu Schülern und Studierenden ohne angemessene Bildung sowie zum Anteil nicht funktionsfähiger Schulen stammen aus Presseberichten und Analysen und sollten mit den Daten des OCHA-Bildungsclusters gegengeprüft werden. Die Zahl von 2018 (rund 400.000 Vertriebene, 40.000 Flüchtlinge in Nigeria) ist veraltet und wird nur zur historischen Einordnung genannt, nicht als aktuelle Lage. Der institutionelle Rahmen (humanitärer Reaktionsplan Kamerun, Cameroon Crisis Response Plan 2025-2026, Bildungscluster-Strategie 2023-2025) wird von OCHA beziehungsweise IOM getragen. Es liegt keine dokumentierte, spezifisch auf Jugendliche in Nordwest/Südwest ausgerichtete Konsultation vor, mit Ausnahme älterer multisektoraler Schnellbewertungen von OCHA und Plan International aus dem Jahr 2018.