Zwischen Nord und Süd, Stadt und Land: Die tiefe Armutskluft in Kamerun und ihre vernachlässigten Regionen
Fast vier von zehn Menschen in Kamerun leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze — mit einer eklatanten Kluft zwischen ländlichen und städtischen Gebieten sowie zwischen den nördlichen und südlichen Regionen des Landes. Viele Mitglieder der kamerunischen Diaspora in Deutschland stammen gerade aus jenen Regionen, die von dieser Armut am stärksten betroffen sind. KAGEDEV fordert, dass die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ihre Mittel gezielter auf diese benachteiligten Gebiete ausrichtet, statt sich auf urbane Zentren zu konzentrieren.
Auf einen Blick
- Rund 38 % der kamerunischen Bevölkerung — etwa zehn Millionen Menschen — leben unterhalb der nationalen Armutsgrenze.
- Die Armutsrate ist auf dem Land (56,3 %) mehr als doppelt so hoch wie in der Stadt (21,6 %).
- Regionen wie Extrême-Nord, Nord, Nord-Ouest, Adamaoua und Est gelten als überdurchschnittlich von Armut betroffen.
- Der kamerunische Index der menschlichen Entwicklung lag 2020 bei 0,52 — deutlich unter dem Weltdurchschnitt.
- Ein bedeutender Teil der kamerunischen Diaspora in Deutschland stammt aus den strukturell ärmsten Regionen des Landes.
Zahlen im Überblick
- 38,6 % (2021) / 37,7 % (2022): nationale Armutsquote Kamerun
- Quelle: INS/ECAM5
- ~10 Mio. Menschen: leben unter der nationalen Armutsgrenze (813 FCFA/Tag)
- Quelle: INS/ECAM5
- 56,3 % (ländlich) vs. 21,6 % (städtisch): Armutsrate 2022
- Quelle: INS
- 0,52 (2020): Human Development Index Kamerun
- Quelle: UNDP, Datenstand 2020
- Extrême-Nord, Nord, Nord-Ouest, Adamaoua, Est: Regionen mit überdurchschnittlicher Armut (qualitativer Trend)
- Quelle: verschiedene Quellen
Worum geht es?
Armut in Kamerun ist kein gleichmäßig über das Land verteiltes Phänomen. Landesweite Durchschnittswerte verdecken erhebliche regionale und stadt-land-bezogene Unterschiede: Menschen in ländlichen Gebieten sind deutlich häufiger von Armut betroffen als jene in Städten, und bestimmte Regionen — insbesondere im Norden und Osten des Landes — weisen strukturell höhere Armutsraten auf als der nationale Durchschnitt. Diese multidimensionale Armut äußert sich nicht nur in geringem Einkommen, sondern auch in eingeschränktem Zugang zu Bildung, sauberem Wasser, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur. Die fünfte kamerunische Haushaltsbefragung (ECAM5) liefert hierzu die verlässlichsten verfügbaren nationalen Daten.
Wen betrifft es?
Am stärksten betroffen ist die ländliche Bevölkerung Kameruns sowie die Bevölkerung der Regionen Extrême-Nord, Nord, Nord-Ouest, Adamaoua und Est, die tendenziell überdurchschnittliche Armutsraten aufweisen. Insgesamt handelt es sich um schätzungsweise rund zehn Millionen Menschen, die unterhalb der nationalen Armutsgrenze leben. Ein bedeutender Teil der kamerunischen Diaspora in Deutschland hat familiäre Wurzeln in genau diesen strukturell benachteiligten Regionen, was diesem Thema für KAGEDEV eine besondere Dringlichkeit verleiht.
Was zeigen die Daten?
Die nationale Armutsquote Kameruns lag laut der fünften Haushaltsbefragung (ECAM5) bei 38,6 % im Jahr 2021 beziehungsweise bei 37,7 % im Jahr 2022 nach einer methodisch an die Weltbank-Standards angeglichenen Berechnung. Dies entspricht schätzungsweise rund zehn Millionen Menschen, die unterhalb der nationalen Armutsgrenze von 813 FCFA pro Person und Tag leben. Diese Daten stammen direkt vom kamerunischen Statistikinstitut (Institut National de la Statistique, INS) und gelten als hoch verlässlich. Die Kluft zwischen Stadt und Land ist erheblich: Die Armutsrate lag 2022 in ländlichen Gebieten bei 56,3 %, in städtischen Gebieten dagegen bei nur 21,6 % (INS, direkte Quelle, hohe Zuverlässigkeit). Die Regionen Extrême-Nord, Nord, Nord-Ouest, Adamaoua und Est weisen laut verfügbaren Quellen Armutsraten oberhalb des nationalen Durchschnitts auf. Genaue, verlässlich bestätigte Zahlen auf Regionalebene liegen uns jedoch nicht vor; diese Aussage ist daher als qualitativer, aber gut belegter Trend zu verstehen, nicht als exakter Zahlenvergleich. Der Index der menschlichen Entwicklung (Human Development Index, HDI) Kameruns lag laut UNDP bei 0,52 im Jahr 2020, was einem Rang von etwa 153 von 189 Ländern entsprach. Dies ist die jüngste uns vorliegende verlässliche Angabe; sie ist mit dem Hinweis zu versehen, dass sie sich auf das Jahr 2020 bezieht und aktuellere Entwicklungen nicht abbildet. Einordnung der Datenqualität: Die nationalen und stadt-land-bezogenen Armutsdaten stammen direkt vom kamerunischen Statistikinstitut und gelten als hoch verlässlich. Die regionale Verteilung wird bewusst nur als qualitativer Trend beschrieben, da keine sicher verifizierten Einzelwerte je Region vorliegen. Der HDI-Wert ist mit einer zeitlichen Einschränkung (Datenstand 2020) zu lesen.
Warum besteht Handlungsbedarf?
Eine Armutsquote von rund 38 % bedeutet, dass ein sehr großer Teil der kamerunischen Bevölkerung strukturell von grundlegenden Lebenschancen ausgeschlossen ist — mit Auswirkungen auf Bildung, Gesundheit, Ernährungssicherheit und gesellschaftliche Teilhabe. Besonders alarmierend ist die Tatsache, dass die Armut in ländlichen Gebieten fast dreimal so hoch ist wie in Städten, was auf eine seit Jahren anhaltende Vernachlässigung des ländlichen Raums in der nationalen Entwicklungspolitik hindeutet. Wenn internationale Entwicklungszusammenarbeit und nationale Politik ihre Ressourcen weiterhin überproportional auf urbane Zentren konzentrieren, droht sich diese Kluft zu verfestigen, statt sich zu schließen — mit langfristigen Folgen für den sozialen Zusammenhalt des Landes. Die Bekämpfung von Armut ist ein erklärtes Ziel der kamerunischen Entwicklungsstrategie, die unter der Federführung des Ministeriums für Wirtschaft, Planung und Raumordnung (MINEPAT) unter anderem in der "Stratégie Nationale de Développement 2020–2030" (SND30) verankert ist. Diese nationale Strategie formuliert Ziele zur Reduzierung der Armut und zur Verringerung regionaler Ungleichgewichte, ohne dass uns eine detaillierte, regionsspezifisch aufgeschlüsselte Erfolgskontrolle vorläge. International orientiert sich diese Politik an den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (insbesondere SDG 1: Keine Armut).
Was muss sich ändern?
- Die kamerunische Regierung soll im Rahmen der SND30 eine regionsspezifische, transparente Erfolgskontrolle der Armutsbekämpfung einführen.
- Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit soll ihre Programme zur ländlichen Entwicklung und Ernährungssicherheit gezielt auf die strukturell ärmsten Regionen (Extrême-Nord, Nord, Adamaoua, Nord-Ouest, Est) ausrichten.
- Internationale Geber sollen die Erhebung regional aufgeschlüsselter, verlässlicher Armutsdaten unterstützen, um eine bessere Zielgenauigkeit der Hilfsprogramme zu ermöglichen.
- Die kamerunische Regierung soll Infrastrukturinvestitionen (Wasser, Bildung, Gesundheit, Straßen) verstärkt in ländliche und nördliche Gebiete lenken.
- Die Bundesregierung soll im Rahmen ihrer bilateralen Zusammenarbeit mit Kamerun eine stärkere geografische Fokussierung auf die am stärksten benachteiligten Regionen einfordern.
An wen richten sich unsere Forderungen?
Unsere Forderungen richten sich an das Institut National de la Statistique (INS Cameroun), das die maßgeblichen Armuts- und Lebensstandarddaten erhebt und veröffentlicht, sowie an das Ministerium für Wirtschaft, Planung und Raumordnung (MINEPAT), das die nationalen Strategien zur Armutsbekämpfung einschließlich der SND30 steuert. Sie richten sich zudem an die Weltbank, die die ECAM5-Erhebung methodisch unterstützt und soziale Sicherungsnetze finanziert, an das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), das den Human Development Index berechnet und zu multidimensionaler Armut arbeitet, sowie an die GIZ, die sich in der ländlichen Entwicklung und Ernährungssicherheit in den nördlichen Regionen Kameruns engagiert.
Was kann kurzfristig geschehen?
Machen Sie die regionale Dimension der Armut in Kamerun in Gesprächen mit politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern sichtbar. Unterstützen Sie Organisationen, die gezielt in den strukturell benachteiligten Regionen Kameruns aktiv sind. Fragen Sie bei entwicklungspolitischen Veranstaltungen gezielt nach der geografischen Verteilung der Fördermittel für Kamerun. Teilen Sie dieses Plaidoyer, um auf die Nord-Süd- und Stadt-Land-Kluft in Kamerun aufmerksam zu machen.
Was ist langfristig nötig?
Ohne eine gezieltere, regional ausgerichtete Politik droht sich die Kluft zwischen den wohlhabenderen städtischen Zentren und den strukturell benachteiligten ländlichen und nördlichen Regionen Kameruns weiter zu vertiefen. Da ein bedeutender Teil der kamerunischen Diaspora in Deutschland aus genau diesen Regionen stammt, sieht KAGEDEV hier ein besonderes Interesse und eine besondere Verantwortung, auf eine gerechtere geografische Verteilung von Entwicklungsressourcen hinzuwirken.
Wie messen wir Fortschritt?
- Nationale Armutsquote Kameruns (Basis: 38,6 % 2021 / 37,7 % 2022, INS/ECAM5)
- Verhältnis der Armutsrate Land zu Stadt (Basis: 56,3 % ländlich vs. 21,6 % städtisch, 2022)
- Vorliegen einer regionsspezifischen, transparenten Erfolgskontrolle der Armutsbekämpfung im Rahmen der SND30 (aktuell nicht verfügbar)
- Human Development Index Kameruns (Basis: 0,52, UNDP 2020)
- Anteil der deutschen Entwicklungszusammenarbeit, der gezielt auf die Regionen Extrême-Nord, Nord, Adamaoua, Nord-Ouest und Est ausgerichtet ist (aktuell nicht separat ausgewiesen)
Unsere Haltung
KAGEDEV stellt fest, dass ein bedeutender Teil seiner Mitgliedschaft familiäre Wurzeln in den strukturell ärmsten Regionen Kameruns hat, insbesondere in Extrême-Nord, Nord, Adamaoua und Nord-Ouest. Diese regionale Zusammensetzung der Diaspora hat KAGEDEV dazu veranlasst, das Thema der territorialen Armutskluft als eigenständiges Anliegen in seine politische Interessenvertretung aufzunehmen. Konkrete eigene Hilfsprogramme in diesen Regionen führt KAGEDEV bislang nicht; der Verein konzentriert sich auf die politische Sensibilisierung und den Dialog mit Entscheidungsträgern. KAGEDEV vertritt keine Partei und keine politische Richtung, sondern setzt sich für eine faktenbasierte Politik ein, die die regionale Armutskluft in Kamerun sichtbar macht und verringert.
Dialog und Zusammenarbeit
Wir sind offen für den Austausch mit dem Institut National de la Statistique (INS Cameroun), das die maßgeblichen Armuts- und Lebensstandarddaten erhebt und veröffentlicht, sowie mit dem Ministerium für Wirtschaft, Planung und Raumordnung (MINEPAT), das die nationalen Strategien zur Armutsbekämpfung einschließlich der SND30 steuert. Ebenso suchen wir den Dialog mit der Weltbank, die die ECAM5-Erhebung methodisch unterstützt und soziale Sicherungsnetze finanziert, mit dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP), das den Human Development Index berechnet und zu multidimensionaler Armut arbeitet, sowie mit der GIZ, die sich in der ländlichen Entwicklung und Ernährungssicherheit in den nördlichen Regionen Kameruns engagiert.
