KAGEDEV — Kamerunische Gemeinschaft in Deutschland e.V.
Plaidoyer · Arbeitsmarkt und JugendVeröffentlicht

Ausbildung ohne Anschluss: Wie ein unterfinanziertes Berufsbildungssystem die Beschäftigungschancen junger Kamerunerinnen und Kameruner untergräbt

Berufsbildung und Lehre erhöhen nachweislich die Chancen junger Menschen auf formelle, qualitativ bessere Beschäftigung in Kamerun — doch das kamerunische System der technischen und beruflichen Bildung (ETP/TVET) ist chronisch unterfinanziert und schlecht auf die tatsächlichen Bedürfnisse des Arbeitsmarktes abgestimmt. Genau hier liegt eine der direktesten und am besten dokumentierten Verbindungen zur deutsch-kamerunischen Zusammenarbeit — und ein Feld, auf dem die Diaspora mit ihrer Erfahrung des deutschen dualen Systems einen konkreten Beitrag leisten kann.

Veröffentlicht am 13. September 2026Als PDF herunterladen

Auf einen Blick

  • Berufsbildung erhöht die formelle Beschäftigung junger Kamerunerinnen und Kameruner nachweislich um 17,6 Prozentpunkte.
  • Das kamerunische Berufsbildungssystem (TVET) ist laut BIT/ILO chronisch unterfinanziert und schlecht verwaltet.
  • Seit mindestens 2007 zeigt die Fachliteratur eine anhaltende Diskrepanz zwischen Ausbildungsinhalten und Arbeitsmarktbedarf.
  • Die GIZ ist bereits mit Berufsbildungsprogrammen in mehreren kamerunischen Regionen aktiv — ein Ansatzpunkt zum Ausbau.
  • Die kamerunische Diaspora in Deutschland kann ihr Wissen über das duale Ausbildungssystem gezielt weitergeben.

Zahlen im Überblick

+24 Prozentpunkte Effekt der Berufsbildung auf informelle Beschäftigung
Quelle: Formation Emploi (Cairn/OpenEdition), 2025
+17,6 Prozentpunkte Effekt der Berufsbildung auf formelle Beschäftigung
Quelle: Formation Emploi (Cairn/OpenEdition), 2025
Positiver Effekt auf Beschäftigungsqualität (Vertrag, Gehaltsabrechnung, Sozialversicherung)
Quelle: Formation Emploi (Cairn/OpenEdition), 2025
Chronische Unterfinanzierung des TVET-Systems
Quelle: BIT/ILO, Dokument wcms_742416
Strukturelles Qualifikations-Bedarfs-Missverhältnis, dokumentiert seit mindestens 2007
Quelle: akademische Fachliteratur

Worum geht es?

Berufliche Bildung und Lehre gelten weltweit als wirksames Instrument, um junge Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren — auch in Kamerun zeigen aktuelle Studien einen klaren positiven Effekt auf Beschäftigungsqualität und -formalität. Das Problem liegt nicht im Prinzip der Berufsbildung, sondern in der strukturellen Schwäche des kamerunischen Systems der technischen und beruflichen Bildung: chronische Unterfinanzierung, mangelhafte Verwaltung und eine anhaltende Diskrepanz zwischen den vermittelten Qualifikationen und den tatsächlichen Erwartungen der Arbeitgeber. Dieses Plaidoyer widmet sich bewusst dieser strukturellen Seite des Problems — der Berufsbildung und Lehre als Weg für junge Menschen ohne Hochschulzugang — und nicht der bereits andernorts behandelten Situation der Hochschulabsolventinnen und -absolventen.

Wen betrifft es?

Betroffen sind vor allem junge Kamerunerinnen und Kameruner, die keinen Hochschulzugang haben oder anstreben und stattdessen auf technische und berufliche Bildungswege angewiesen sind — etwa in Handwerk, Industrie, Landwirtschaft oder Dienstleistungsberufen. Betroffen sind auch die Ausbildungsbetriebe und Handwerksmeister, die qualifizierte Nachwuchskräfte suchen, aber oft nicht finden. Betroffen ist das gesamte Berufsbildungssystem Kameruns, einschließlich der Lehrkräfte und Ausbilderinnen und Ausbilder, die unter unzureichender Ausstattung und Finanzierung arbeiten. Indirekt betroffen ist die kamerunische Wirtschaft insgesamt, der durch die Qualifikationslücke Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit verloren gehen. Die kamerunische Diaspora in Deutschland ist besonders angesprochen, da viele ihrer Mitglieder das deutsche duale Ausbildungssystem aus eigener Erfahrung kennen.

Was zeigen die Daten?

- Eine 2025 in der von Experten begutachteten Fachzeitschrift Formation Emploi (Cairn/OpenEdition) veröffentlichte Studie zu "Formation professionnelle, apprentissage et accès à l'emploi des jeunes au Cameroun" zeigt einen positiven marginalen Effekt von Berufsbildung und Lehre auf die informelle Beschäftigung von +24 Prozentpunkten und von +17,6 Prozentpunkten auf die formelle Beschäftigung, sowie einen positiven Effekt auf die Qualität der Beschäftigung (Arbeitsvertrag, Gehaltsabrechnung, Sozialversicherungsanschluss) (Zuverlässigkeit: hoch, begutachtete Fachpublikation). - Ein Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation (BIT/ILO, Dokument wcms_742416) dokumentiert eine chronische Unterfinanzierung und ein mangelhaftes Management des Systems der technischen und beruflichen Bildung (ETP/TVET) in Kamerun (Zuverlässigkeit: hoch; genaue Zahlenwerte liegen der Redaktion nicht in extrahierter Form vor, der Befund wird daher qualitativ wiedergegeben). - Die akademische Fachliteratur bestätigt seit mindestens 2007 wiederholt ein strukturelles Finanzierungsdefizit, eine ineffiziente Verwaltung sowie eine Diskrepanz zwischen den vermittelten Qualifikationen und den Erwartungen der Arbeitgeber im kamerunischen TVET-System — ein wiederkehrender qualitativer Befund, der auf ein anhaltendes strukturelles Problem hindeutet, nicht auf einen einmaligen Missstand. Diese Datenlage stützt sich auf eine methodisch belastbare, begutachtete Studie sowie auf mehrfach bestätigte qualitative Befunde internationaler und akademischer Quellen. Konkrete Finanzierungszahlen für das kamerunische TVET-System liegen nicht in extrahierter Form vor und sollten bei Bedarf direkt beim BIT/ILO-Bericht nachrecherchiert werden.

Warum besteht Handlungsbedarf?

Wenn ein nachweislich wirksames Instrument zur Verbesserung der Jugendbeschäftigung — die Berufsbildung — durch strukturelle Unterfinanzierung und schlechte Abstimmung mit dem Arbeitsmarkt in seiner Wirkung beschnitten wird, verschenkt Kamerun ein zentrales Entwicklungspotenzial. Jedes Jahr, in dem junge Menschen eine Berufsausbildung durchlaufen, die nicht den tatsächlichen Bedürfnissen der Arbeitgeber entspricht, ist ein Jahr verlorener Zeit und verlorener Ressourcen — für die Auszubildenden selbst, für die ausbildenden Betriebe und für den Staat. Die nachgewiesenen positiven Effekte von Berufsbildung auf Formalisierung und Beschäftigungsqualität zeigen zugleich, welches ungenutzte Potenzial in einer Reform und besseren Finanzierung des Systems liegt. Angesichts des hohen Anteils junger Menschen in der kamerunischen Bevölkerung ist eine Investition in ein funktionsfähiges, arbeitsmarktnahes Berufsbildungssystem eine der wirksamsten verfügbaren Hebel gegen Unterbeschäftigung und Informalität.

Was muss sich ändern?

  1. Deutliche Erhöhung der öffentlichen Finanzierung des kamerunischen Systems der technischen und beruflichen Bildung (ETP/TVET), einschließlich Ausstattung, Lehrkräftequalifikation und Infrastruktur.
  2. Systematische Einbindung von Arbeitgebern und Handwerksverbänden in die Gestaltung der Ausbildungscurricula, um die Diskrepanz zwischen Qualifikationen und Marktbedarf zu verringern.
  3. Ausbau der bestehenden GIZ-Programme zur Berufsbildung über die derzeitigen Zielregionen (Extrême-Nord, Nord, Adamaoua) hinaus.
  4. Aufbau strukturierter Programme zum Wissens- und Erfahrungstransfer zwischen in Deutschland dual ausgebildeten kamerunischen Fachkräften und kamerunischen Berufsbildungseinrichtungen.
  5. Stärkere technische Unterstützung durch das BIT/ILO bei der Reform der Steuerung und Finanzierung des TVET-Systems.
  6. Regelmäßige, transparente Berichterstattung über die Mittelverwendung im Berufsbildungssystem, um Vertrauen bei Ausbildungsbetrieben und internationalen Partnern aufzubauen.

An wen richten sich unsere Forderungen?

Unsere Forderungen richten sich an das Ministère de l'Emploi et de la Formation Professionnelle (MINEFOP), zuständig für die berufliche Bildung im engeren Sinne; an das Ministère des Enseignements Secondaires (MINESEC), zuständig für die technische Sekundarbildung; an die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die bereits über das Projet d'Appui à la Résilience in mehreren Regionen mit einer Komponente zur Berufsbildung aktiv ist; an die Internationale Arbeitsorganisation (BIT/ILO) für technische Unterstützung bei der Reform der Berufsbildungssysteme; sowie an die kamerunischen Arbeitgeberverbände und Handwerkskammern als zentrale Partner zur Angleichung der Ausbildungsinhalte an die Bedürfnisse des Marktes.

Was kann kurzfristig geschehen?

Wenn Sie in Deutschland eine duale Berufsausbildung durchlaufen oder ein Handwerk erlernt haben, erwägen Sie, Ihr Wissen im Rahmen von Mentoring- oder Austauschprogrammen mit kamerunischen Berufsbildungseinrichtungen zu teilen. Unterstützen Sie als Diaspora-Mitglied lokale Initiativen in Kamerun, die praxisnahe Ausbildungsangebote in Handwerk und Technik anbieten. Machen Sie das Thema der Berufsbildung in Gesprächen mit deutschen entwicklungspolitischen Akteuren sichtbar, um eine Ausweitung bestehender GIZ-Programme anzuregen. Informieren Sie sich über die bestehenden Kooperationsprojekte und teilen Sie diese Informationen in Ihrem Netzwerk, um Fehlinformationen und Perspektivlosigkeit entgegenzuwirken. Unterstützen Sie die Arbeit von KAGEDEV, die sich für einen verstärkten Wissenstransfer zwischen der Diaspora und dem kamerunischen Berufsbildungssystem einsetzt.

Was ist langfristig nötig?

Die nachgewiesenen positiven Effekte von Berufsbildung auf Beschäftigungsqualität und Formalisierung machen deutlich, dass gezielte Investitionen in dieses System zu den wirksamsten verfügbaren Hebeln gegen Jugendarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung in Kamerun gehören. Die bereits bestehende, konkrete Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kamerun in diesem Bereich — etwa über die GIZ — bietet eine solide Grundlage, die ausgebaut und vertieft werden sollte. Die kamerunische Diaspora in Deutschland, mit ihrer direkten Erfahrung des dualen Ausbildungssystems, kann hierbei eine Brückenfunktion übernehmen, die bislang nur unzureichend genutzt wird. KAGEDEV wird sich weiterhin für eine stärkere Sichtbarkeit dieses Themas in der deutsch-kamerunischen Zusammenarbeit einsetzen.

Wie messen wir Fortschritt?

  • Anteil formell beschäftigter Berufsbildungsabsolventinnen und -absolventen (Basis: +17,6 Prozentpunkte Effekt, Formation Emploi 2025)
  • Höhe der öffentlichen Finanzierung des TVET-Systems im Staatshaushalt
  • Anzahl der Regionen mit aktiven GIZ-Berufsbildungsprogrammen (Basis: Extrême-Nord, Nord, Adamaoua)
  • Anzahl strukturierter Wissenstransferprogramme zwischen Diaspora und kamerunischen Berufsbildungseinrichtungen
  • Regelmäßigkeit und Transparenz der öffentlichen Berichterstattung über die TVET-Mittelverwendung

Unsere Haltung

KAGEDEV vertritt keine Partei und keine politische Richtung. Der Verein setzt sich ausschließlich auf Basis überprüfbarer Daten dafür ein, dass die nachgewiesene Wirksamkeit der Berufsbildung durch eine angemessene Finanzierung und Arbeitsmarktnähe des kamerunischen TVET-Systems tatsächlich genutzt wird.

Dialog und Zusammenarbeit

Die technische und berufliche Bildung in Kamerun liegt institutionell in der geteilten Zuständigkeit des Ministeriums für Beschäftigung und Berufsbildung (MINEFOP) und des Ministeriums für Sekundarschulbildung (MINESEC), das für die technische Sekundarbildung zuständig ist. Kamerun hat sich im Rahmen internationaler Zusammenarbeit, insbesondere mit dem BIT/ILO, wiederholt zu einer Reform seiner Berufsbildungssysteme verpflichtet, die technische Unterstützung bei dieser Reform leistet. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ist über die GIZ bereits konkret in die Berufsbildung in Kamerun eingebunden, insbesondere über das "Projet d'Appui à la Résilience socio-économique des jeunes vulnérables", das in den Regionen Extrême-Nord, Nord und Adamaoua auch eine Komponente zur Stärkung des Berufsbildungsangebots umfasst. Diese bestehende Kooperationsstruktur bietet einen konkreten institutionellen Ansatzpunkt für eine Vertiefung der Zusammenarbeit. KAGEDEV verfolgt aufmerksam die bestehenden Kooperationsprojekte zwischen Deutschland und Kamerun im Bereich der Berufsbildung, insbesondere die von der GIZ getragenen Programme in den nördlichen Regionen des Landes. Der Verein sieht in diesen Programmen einen wichtigen, aber angesichts der Größe der Herausforderung noch begrenzten Ansatz und setzt sich im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür ein, das Potenzial der in Deutschland ausgebildeten kamerunischen Fachkräfte für einen Wissenstransfer in Richtung des kamerunischen Berufsbildungssystems sichtbarer zu machen. Diese Beobachtung stützt sich auf öffentlich zugängliche Informationen zu bestehenden Kooperationsprojekten und auf den Austausch innerhalb der Diaspora-Gemeinschaft.

Quellen und Methodik

- OpenEdition, Formation Emploi: https://journals.openedition.org/formationemploi/14195 - Cairn: https://shs.cairn.info/revue-formation-emploi-2025-2-page-73?lang=fr&tab=auteurs - BIT/ILO, wcms_742416: https://www.ilo.org/sites/default/files/wcmsp5/groups/public/@ed_emp/@ifp_skills/documents/publication/wcms_742416.pdf - GIZ, Projet d'Appui à la Résilience: https://kamerpower.com/fr/offre-de-stage-professionnel-giz-cameroun-projet-dappui-la-resilience/ - ResearchGate: https://www.researchgate.net/publication/250151662_Technical_and_Vocational_Education_in_Cameroon_and_Critical_Avenues_for_Development - BIT/ILO, TVET-Qualifikationslücke: https://www.ilo.org/resource/news/improve-technical-and-vocational-education-and-training-tvet-meet-skills