KAGEDEV — Kamerunische Gemeinschaft in Deutschland e.V.
Plaidoyer · Arbeitsmarkt und JugendVeröffentlicht

Arbeit in der Krise: Wie bewaffnete Konflikte und wirtschaftliche Vernachlässigung die Jugendbeschäftigung in Kameruns Randregionen zerstören

Während in ganz Kamerun die Jugendbeschäftigung fragil ist, sind die Regionen Extrême-Nord, Nordwest und Südwest von der Regierung offiziell als "wirtschaftlich notleidend" eingestuft — betroffen von bewaffneten Konflikten, massiver Vertreibung und einem wirtschaftlichen Einbruch, der junge Menschen dort besonders hart trifft. Ein erheblicher Teil der kamerunischen Diaspora in Deutschland stammt aus genau diesen Regionen — was KAGEDEV eine besondere Verantwortung und Legitimität verleiht, auf diese Situation aufmerksam zu machen.

Veröffentlicht am 13. September 2026Als PDF herunterladen

Auf einen Blick

  • Die kamerunische Regierung selbst stuft Nordwest, Südwest und Extrême-Nord als "wirtschaftlich notleidend" ein.
  • Die Armutsrate im Nordwesten stieg von 55 % (2014) auf 66,8 % (2022) — direkte Folge des Konflikts.
  • Mehr als 700.000 Binnenvertriebene haben vielfach ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage verloren.
  • Der Konflikt hat landesweit Exporte, Konsum und Investitionen spürbar reduziert.
  • Ein erheblicher Teil der Diaspora in Deutschland stammt aus diesen besonders betroffenen Regionen.

Zahlen im Überblick

3 Regionen offiziell als "wirtschaftlich notleidend" eingestuft (Extrême-Nord, Nordwest, Südwest)
Quelle: Dekret des Premierministers Kameruns
69,2 % Armutsrate im Extrême-Nord
Quelle: Cameroon Economic Policy Institute (CEPI), 2025
66,8 % Armutsrate im Nordwesten (2022, gegenüber 55 % im Jahr 2014)
Quelle: Cameroon Economic Policy Institute (CEPI), 2025
45,1 % Armutsrate in Adamaoua
Quelle: Cameroon Economic Policy Institute (CEPI), 2025
Mindestens 6.000 Tote und über 700.000 Vertriebene seit 2017 (anglophone Krise)
Quelle: International Crisis Group und internationale Medien

Worum geht es?

Kamerun ist seit Jahren mit zwei parallelen bewaffneten Konflikten konfrontiert: der anglophonen Krise in den Regionen Nordwest und Südwest sowie der Bedrohung durch bewaffnete Gruppen im Extrême-Nord. Diese Konflikte haben nicht nur zu erheblichem menschlichem Leid geführt, sondern auch die lokale Wirtschaft und den Arbeitsmarkt in diesen Regionen nachhaltig geschädigt. Die kamerunische Regierung selbst hat diese drei Regionen per Dekret des Premierministers als "wirtschaftlich notleidend" (économiquement sinistrées) eingestuft — eine offizielle Anerkennung des Ausmaßes der Krise. Dieses Plaidoyer beleuchtet gezielt die regionale Dimension der Jugendbeschäftigungskrise in Kamerun, die sich deutlich von der landesweiten Problematik der Unterbeschäftigung und Informalität unterscheidet und eigene politische Antworten erfordert.

Wen betrifft es?

Unmittelbar betroffen sind junge Menschen in den Regionen Nordwest, Südwest und Extrême-Nord, deren wirtschaftliche Perspektiven durch bewaffnete Konflikte, Vertreibung und den Zusammenbruch lokaler Wirtschaftsstrukturen massiv eingeschränkt sind. Besonders betroffen sind die mehr als 700.000 Binnenvertriebenen, von denen viele junge Menschen im erwerbsfähigen Alter sind und ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage verloren haben. Betroffen sind auch Kleinunternehmer, Landwirte und Händler, deren Betriebe durch den Konflikt zerstört oder aufgegeben wurden. Ein erheblicher Teil der kamerunischen Diaspora in Deutschland hat familiäre Wurzeln in den anglophonen Regionen oder im Grand Nord und ist damit persönlich und emotional von dieser Krise betroffen.

Was zeigen die Daten?

- Der Premierminister Kameruns hat per Dekret die Regionen Nordwest, Südwest und Extrême-Nord offiziell als "wirtschaftlich notleidend" (économiquement sinistrées) eingestuft (Zuverlässigkeit: hoch, offizieller Rechtsakt; der genaue Verweis auf das Dekret sollte vor einer Veröffentlichung noch verifiziert werden). - Die regionalen Armutsraten (CEPI, 2025) liegen im Extrême-Nord bei 69,2 %, im Nordwesten bei 66,8 % — ein Anstieg von 55 % im Jahr 2014 auf 66,8 % im Jahr 2022, unmittelbar bedingt durch den Konflikt — und in Adamaoua bei 45,1 % (Quelle: Cameroon Economic Policy Institute, CEPI; Zuverlässigkeit: mittel, kamerunischer Think-Tank). - Die anglophone Krise hat laut einer akademischen Untersuchung (ADILAAKU, 2019) auf nationaler Ebene zu einem Rückgang der Exporte um 5,3 %, des Endverbrauchs um 3,4 % und der Investitionen um 10,2 % geführt (Zuverlässigkeit: mittel, nicht an der Primärquelle verifiziert). - Seit 2017 sind im Zusammenhang mit der anglophonen Krise mindestens 6.000 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 700.000 Menschen wurden kumulativ vertrieben (Quelle: vielfach durch International Crisis Group und internationale Medien bestätigt; Zuverlässigkeit: mittel bis hoch, jedoch handelt es sich um einen aktiven Konflikt mit sich laufend verändernden Zahlen). Andere KAGEDEV-Plaidoyers nennen für einzelne Stichtage niedrigere Bestandszahlen (rund 580.000, OCHA August 2025) — beide Angaben schließen sich nicht aus, da sie unterschiedliche Zeiträume (kumulativ seit 2017 vs. Bestand zu einem Stichtag) abbilden. Diese Daten stammen aus einer Kombination von offiziellen Regierungsakten, einem kamerunischen Think-Tank und akademischen sowie internationalen Konfliktbeobachtungsquellen. Angesichts der Dynamik des Konflikts sollten insbesondere die Opfer- und Vertriebenenzahlen als Momentaufnahme mit begrenzter Aktualität behandelt werden.

Warum besteht Handlungsbedarf?

Eine ganze Generation junger Menschen in den Regionen Nordwest, Südwest und Extrême-Nord wächst in einem Umfeld auf, in dem bewaffneter Konflikt, Vertreibung und wirtschaftlicher Zusammenbruch die Regel und nicht die Ausnahme sind. Die von der Regierung selbst anerkannte Einstufung dieser Regionen als "wirtschaftlich notleidend" macht deutlich, dass hier kein gewöhnliches regionales Entwicklungsgefälle vorliegt, sondern eine akute humanitäre und wirtschaftliche Krise. Ohne gezielte Wiederaufbau- und Beschäftigungsprogramme drohen diese Regionen dauerhaft von der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes abgekoppelt zu werden, was wiederum den Nährboden für anhaltende Instabilität bildet. Für junge Menschen ohne wirtschaftliche Perspektive in diesen Regionen bleiben oft nur Flucht, Migration oder — im schlimmsten Fall — die Rekrutierung durch bewaffnete Gruppen als vermeintliche Auswege. Internationale und bilaterale Zusammenarbeit muss diese Regionen daher mit besonderer Priorität behandeln.

Was muss sich ändern?

  1. Verstärkte und gezielte Ausrichtung des Wiederaufbauprogramms PPRD-NOSO auf die wirtschaftliche Wiedereingliederung junger Menschen, einschließlich Beschäftigungs- und Ausbildungsprogrammen.
  2. Ausweitung der bestehenden GIZ-Resilienzprogramme im Extrême-Nord, Nord und Adamaoua, mit einem expliziten Fokus auf Jugendbeschäftigung.
  3. Stärkere Berücksichtigung der wirtschaftlichen Wiedereingliederung Binnenvertriebener bei der humanitären Hilfe von EU, OCHA und UNHCR.
  4. Transparente, regelmäßige Berichterstattung über die Umsetzung und Wirksamkeit des Status "wirtschaftlich notleidend" für die drei betroffenen Regionen.
  5. Einbindung der aus diesen Regionen stammenden Diaspora in die Konzeption von Wiederaufbau- und Beschäftigungsprogrammen, etwa durch konsultative Formate.
  6. Verstärkte internationale Vermittlungsbemühungen zur Beendigung der bewaffneten Konflikte als Voraussetzung für eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung.

An wen richten sich unsere Forderungen?

Unsere Forderungen richten sich an die Primatur (Büro des Premierministers) Kameruns, zuständig für die Einstufung als notleidende Region und übergeordnete Krisenkoordination; an das Ministère de l'Économie, de la Planification et de l'Aménagement du Territoire (MINEPAT), zuständig für den Plan de Reconstruction et de Développement NO/SO (PPRD-NOSO); an die Weltbank als Mitfinanziererin des PPRD-NOSO-Wiederaufbauprogramms; an die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit ihren Resilienzprogrammen im Extrême-Nord, Nord und Adamaoua; an die Europäische Union, das UN-Nothilfebüro (OCHA) und das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) für die humanitäre Reaktion; sowie an die International Crisis Group als unabhängige Instanz der Konfliktbeobachtung und -analyse.

Was kann kurzfristig geschehen?

Wenn Sie familiäre Wurzeln in den Regionen Nordwest, Südwest oder Extrême-Nord haben, teilen Sie Informationen über die wirtschaftliche Situation dieser Regionen in Ihrem Netzwerk, um das Thema aus dem Schatten der rein sicherheitspolitischen Berichterstattung zu holen. Unterstützen Sie humanitäre und wirtschaftliche Wiederaufbauinitiativen, die gezielt jungen Menschen in den betroffenen Regionen zugutekommen. Bringen Sie das Thema der wirtschaftlichen Wiedereingliederung in Gesprächen mit deutschen entwicklungspolitischen Akteuren ein, um eine stärkere Fokussierung bestehender Programme auf die Jugendbeschäftigung anzuregen. Beteiligen Sie sich, wo möglich, an konsultativen Formaten oder Diaspora-Netzwerken, die sich für die betroffenen Regionen einsetzen. Unterstützen Sie die Arbeit von KAGEDEV, die sich für eine stärkere Sichtbarkeit der wirtschaftlichen Dimension dieser Krise einsetzt.

Was ist langfristig nötig?

Solange die bewaffneten Konflikte in den Regionen Nordwest, Südwest und Extrême-Nord anhalten, wird eine nachhaltige wirtschaftliche Erholung und damit eine Verbesserung der Jugendbeschäftigung nur begrenzt möglich sein. Gleichzeitig zeigen bestehende Programme wie der PPRD-NOSO oder die GIZ-Resilienzinitiativen, dass internationale und nationale Akteure bereit sind, in den Wiederaufbau dieser Regionen zu investieren — diese Bemühungen müssen jedoch ausgeweitet und stärker auf die wirtschaftliche Perspektive junger Menschen ausgerichtet werden. Die kamerunische Diaspora in Deutschland, mit ihren tiefen Verbindungen zu diesen Regionen, kann eine wichtige Rolle dabei spielen, die wirtschaftliche Dimension der Krise sichtbar zu halten und Wiederaufbauinitiativen zu unterstützen. KAGEDEV wird die Entwicklung der Lage in diesen Regionen weiterhin aufmerksam verfolgen.

Wie messen wir Fortschritt?

  • Armutsrate in Extrême-Nord, Nordwest und Südwest im Zeitverlauf (Basis: 69,2 % / 66,8 % / 45,1 % Adamaoua, CEPI 2025)
  • Zahl der wirtschaftlich reintegrierten Binnenvertriebenen im Rahmen von PPRD-NOSO und GIZ-Resilienzprogrammen
  • Anzahl der Regionen mit aktiven, auf Jugendbeschäftigung ausgerichteten GIZ-Resilienzprogrammen
  • Regelmäßigkeit der öffentlichen Berichterstattung über die Wirksamkeit des Status "wirtschaftlich notleidend"
  • Entwicklung der Zahl der Binnenvertriebenen (Basis: über 700.000 seit 2017)

Unsere Haltung

KAGEDEV vertritt keine Partei und keine politische Richtung. Der Verein setzt sich, gestützt auf öffentlich zugängliche Daten und den direkten Austausch mit betroffenen Diaspora-Gemeinschaften, für eine stärkere wirtschaftliche Priorisierung der Krisenregionen und für ein Ende der bewaffneten Konflikte im Interesse der jungen Menschen vor Ort ein.

Dialog und Zusammenarbeit

Die kamerunische Regierung hat mit dem Plan de Reconstruction et de Développement des régions du Nord-Ouest et du Sud-Ouest (PPRD-NOSO) ein eigenes Wiederaufbauprogramm für die vom anglophonen Konflikt betroffenen Regionen aufgelegt, das unter anderem von der Weltbank mitfinanziert wird. Für die nördlichen Regionen bestehen Resilienzprogramme, an denen auch die deutsche Entwicklungszusammenarbeit über die GIZ beteiligt ist (siehe auch T16-B). Auf internationaler Ebene begleiten die Europäische Union, das UN-Nothilfebüro OCHA und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR die humanitäre Reaktion auf die Vertreibungskrise. Die offizielle Einstufung der drei Regionen als "wirtschaftlich notleidend" durch den Premierminister bildet die rechtliche Grundlage für besondere wirtschaftliche Unterstützungsmaßnahmen, deren konkrete Umsetzung und Wirksamkeit jedoch Gegenstand anhaltender öffentlicher Debatte bleibt. KAGEDEV verfolgt mit besonderer Aufmerksamkeit die Entwicklung der wirtschaftlichen und humanitären Lage in den Regionen Nordwest, Südwest und Extrême-Nord, da ein bedeutender Teil der Vereinsmitglieder und der weiteren kamerunischen Diaspora in Deutschland aus diesen Regionen stammt. Der Verein beobachtet, dass die wirtschaftliche Dimension der Krise — insbesondere ihre Auswirkungen auf die Jugendbeschäftigung — in der öffentlichen Debatte oft hinter der humanitären und sicherheitspolitischen Berichterstattung zurücktritt. KAGEDEV setzt sich im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür ein, diese wirtschaftliche Dimension sichtbarer zu machen und eine stärkere Fokussierung der bestehenden Kooperationsprogramme auf die betroffenen Jugendlichen anzuregen. Diese Beobachtung beruht auf öffentlich zugänglichen Quellen und auf dem Austausch innerhalb der betroffenen Diaspora-Gemeinschaften.

Quellen und Methodik

- Anadolu Agency: https://www.aa.com.tr/fr/afrique/cameroun-trois-r%C3%A9gions-en-crise-d%C3%A9clar%C3%A9es-%C3%A9conomiquement-sinistr%C3%A9es-/1571864 - Cameroon Economic Policy Institute (CEPI), 2025: https://camepi.org/2025/12/29/an-assessment-of-poverty-and-inequality-in-cameroon/ - ADILAAKU: https://www.revues.scienceafrique.org/adilaaku/texte/mboumegne-dzesseu_et_djomo-tamen2019/ - International Crisis Group: https://www.crisisgroup.org/fr/rpt/africa/cameroon/272-crise-anglophone-au-cameroun-comment-arriver-aux-pourparlers - BTI 2026 Cameroon Country Report: https://bti-project.org/en/reports/country-report/CMR