Unsichtbare Arbeit, unsichere Zukunft: Die massive Unterbeschäftigung und Informalität junger Menschen in Kamerun
Die offizielle Arbeitslosenquote Kameruns verschleiert das eigentliche Problem: Fast drei Viertel aller Erwerbstätigen sind unterbeschäftigt, und neun von zehn jungen Erwerbstätigen arbeiten informell — ohne Vertrag, ohne soziale Absicherung, ohne Perspektive auf Aufstieg. Das ist keine Randerscheinung, sondern der Normalzustand für eine Generation, die mehr als die Hälfte der aktiven Bevölkerung stellt.
Auf einen Blick
- 92,0 % der jungen Erwerbstätigen in Kamerun arbeiten informell — ohne Vertrag, ohne soziale Absicherung.
- Die offizielle Arbeitslosenquote von 8,7 % verschleiert eine Unterbeschäftigung von rund 70,6 % der Erwerbstätigen.
- Junge Menschen (18–35 Jahre) stellen 57 % der aktiven Bevölkerung — der demografische Druck auf den Arbeitsmarkt wächst.
- Informalität bedeutet entgangene Sozialabgaben für den Staat und fehlende Absicherung für die Betroffenen.
- Die Diaspora kann mit ihrem Wissen über formalisierte Arbeit und Sozialversicherung eine Brückenfunktion übernehmen.
Zahlen im Überblick
- 8,7 % offizielle Arbeitslosenquote (2021)
- Quelle: Institut National de la Statistique / ECAM-Erhebung
- ~70,6 % Unterbeschäftigungsquote unter Erwerbstätigen
- Quelle: Medienberichterstattung mit Bezug auf INS-Daten
- 92,0 % informelle Beschäftigung unter jungen Erwerbstätigen (15–35 Jahre)
- Quelle: Cameroon Economic Policy Institute (CEPI), 2025
- 23,2 % NEET-Anteil unter jungen Kamerunerinnen und Kamerunern (Schätzung 2021)
- Quelle: Nkafu Institute
- 57 % Anteil der 18- bis 35-Jährigen an der aktiven Bevölkerung Kameruns
Worum geht es?
In Kamerun wird Arbeitslosigkeit amtlich mit vergleichsweise niedrigen Werten ausgewiesen, doch diese Zahl misst nur, wer komplett ohne jede Tätigkeit ist. Sie sagt nichts darüber aus, wie viele Menschen ihre Fähigkeiten und ihre Zeit nur unzureichend nutzen können. Das eigentliche Problem des kamerunischen Arbeitsmarktes ist die Unterbeschäftigung: Millionen Menschen arbeiten in prekären, unregelmäßigen oder schlecht bezahlten Tätigkeiten, oft im informellen Sektor, ohne Arbeitsvertrag, ohne Sozialversicherung, ohne Kündigungsschutz. Für junge Menschen zwischen 15 und 35 Jahren, die formal über die Hälfte der aktiven Bevölkerung Kameruns ausmachen, ist dieser informelle, unterbeschäftigte Zustand nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Dieses Plaidoyer konzentriert sich bewusst auf diese breite Masse der jungen Erwerbstätigen außerhalb des formellen Sektors — nicht auf die spezifische Situation der Hochschulabsolventinnen und -absolventen, die bereits Gegenstand eines eigenen KAGEDEV-Plaidoyers ist.
Wen betrifft es?
Betroffen sind in erster Linie junge Kamerunerinnen und Kameruner zwischen 15 und 35 Jahren, die rund 57 % der aktiven Bevölkerung des Landes ausmachen. Besonders betroffen sind junge Menschen ohne Hochschulabschluss, die in der Landwirtschaft, im informellen Handel, im Handwerk, im Transportwesen oder in prekären Dienstleistungen tätig sind. Betroffen ist auch ein erheblicher Teil der jungen Frauen, die überproportional im informellen Sektor konzentriert sind. Indirekt betroffen sind die Familien, die auf die — oft unregelmäßigen — Einkünfte dieser jungen Menschen angewiesen sind, sowie der kamerunische Staat, dem durch die Informalität erhebliche Steuer- und Sozialversicherungseinnahmen entgehen. Die kamerunische Diaspora in Deutschland ist mittelbar betroffen, da viele ihrer Mitglieder Familienangehörige in prekären informellen Beschäftigungsverhältnissen in Kamerun finanziell unterstützen.
Was zeigen die Daten?
- Die offizielle Arbeitslosenquote lag 2021 bei 8,7 %, ein Anstieg von rund 3 Prozentpunkten gegenüber 2010 (Quelle: Institut National de la Statistique / ECAM-Erhebung; Zuverlässigkeit: hoch, jedoch veraltet — die letzte umfassende Erhebung datiert von 2021). - Rund 70,6 % der erwerbstätigen Bevölkerung gelten als unterbeschäftigt, davon rund 90 % im informellen Sektor (Quelle: Medienberichterstattung mit Bezug auf INS-Daten; Zuverlässigkeit: mittel, sollte durch die Primärquelle des INS bestätigt werden). - 92,0 % der jungen Erwerbstätigen (15–35 Jahre) arbeiten informell, gegenüber einem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt von rund 86,6 % informeller Beschäftigung (Quelle: Cameroon Economic Policy Institute, CEPI, 2025; Zuverlässigkeit: mittel). - 23,2 % der jungen Kamerunerinnen und Kameruner gehören zur Gruppe der NEET (weder in Beschäftigung noch in Ausbildung oder Schulung), Schätzung für 2021 (Quelle: Nkafu Institute; Zuverlässigkeit: mittel, sollte mit ILOSTAT-Daten abgeglichen werden). - Junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren stellen 57 % der aktiven Bevölkerung Kameruns — ein demografischer Druck, dem ein Arbeitsmarkt gegenübersteht, der kaum formelle Arbeitsplätze schafft. Die genannten Zahlen zur Unterbeschäftigung und zu NEET beruhen auf Sekundärquellen mittlerer Zuverlässigkeit und sollten vor jeder öffentlichen Zitierung nach Möglichkeit an der Primärquelle (INS, ILOSTAT) verifiziert werden. Die Kernaussage — eine strukturell hohe Informalität der Jugendbeschäftigung bei vergleichsweise niedriger offizieller Arbeitslosigkeit — wird jedoch durch mehrere unabhängige Quellen konsistent bestätigt.
Warum besteht Handlungsbedarf?
Eine Gesellschaft, in der neun von zehn jungen Erwerbstätigen ohne Vertrag, ohne Sozialversicherung und ohne Rentenanspruch arbeiten, baut ihre Zukunft auf instabilem Grund. Informelle Beschäftigung bedeutet in der Regel niedrigere und unregelmäßigere Einkommen, keinen Schutz bei Krankheit, Unfall oder Mutterschaft, keinen Zugang zu Altersvorsorge und eine strukturelle Abhängigkeit von prekären Auftragslagen. Für den Staat bedeutet die massive Informalität entgangene Steuer- und Sozialabgaben, die dringend für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur benötigt würden. Für die junge Generation insgesamt bedeutet die anhaltende Unterbeschäftigung ein Gefühl wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, das nachweislich Migrationsdruck erzeugt und soziale Spannungen begünstigt. Ohne gezielte Politik zur schrittweisen Formalisierung wird sich diese Situation angesichts des demografischen Wachstums der jungen Bevölkerung eher verschärfen als verbessern.
Was muss sich ändern?
- Ausbau des Zugangs zu einer freiwilligen, niedrigschwelligen Sozialversicherung (CNPS) für informell Beschäftigte und Kleinstunternehmer, mit vereinfachten Beitragsmodalitäten.
- Einführung eines einheitlichen, vereinfachten Registrierungsverfahrens ("registre unique") für informelle Kleinstunternehmen als erster Schritt zur schrittweisen Formalisierung.
- Erleichterter Zugang zu formalisierter Mikrofinanzierung für junge informell Beschäftigte, insbesondere für Selbstständige und Kleinstunternehmer.
- Systematische, regelmäßige und öffentlich zugängliche Erhebung von Daten zu Unterbeschäftigung und Informalität durch das INS, um evidenzbasierte Politik zu ermöglichen.
- Stärkere Einbindung der kamerunischen Diaspora — insbesondere in Deutschland — als Wissens- und Mentoring-Ressource für die Formalisierung von Kleinstunternehmen.
- Verstärkte internationale Unterstützung (BIT/ILO, Weltbank, deutsche Entwicklungszusammenarbeit) für Pilotprogramme zum Übergang von informeller zu formeller Beschäftigung.
An wen richten sich unsere Forderungen?
Unsere Forderungen richten sich an das Institut National de la Statistique (INS) Kamerun, zuständig für die statistische Erfassung von Beschäftigung und Informalität; an das Ministère de l'Emploi et de la Formation Professionnelle (MINEFOP), die zentrale politische Instanz für Beschäftigungspolitik; an die Caisse Nationale de Prévoyance Sociale (CNPS), zuständig für Sozialversicherung und Schlüsselakteur bei jeder Formalisierungsstrategie; an die Internationale Arbeitsorganisation (BIT/ILO), Regionalbüro für Zentralafrika, für technische Unterstützung und Politikberatung; an die Weltbank und UNDP/PNUD für die Finanzierung und Begleitung von Beschäftigungsprogrammen; sowie an die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (GIZ, KfW) für Programme zur wirtschaftlichen Resilienz in besonders vulnerablen Regionen.
Was kann kurzfristig geschehen?
Informieren Sie sich und Ihr Umfeld über die tatsächliche Beschäftigungssituation junger Menschen in Kamerun, die sich hinter niedrigen offiziellen Arbeitslosenzahlen verbirgt. Unterstützen Sie als Mitglied der Diaspora gezielt Projekte, die jungen informell Beschäftigten in Kamerun den Zugang zu einfacher Buchführung, formalisierten Krediten oder Sozialversicherung erleichtern. Teilen Sie Ihr in Deutschland erworbenes Wissen über Sozialversicherungssysteme und Unternehmensformalisierung im Rahmen von Mentoring-Initiativen mit jungen Unternehmerinnen und Unternehmern in Kamerun. Sprechen Sie das Thema in Ihren Kontakten mit kamerunischen und deutschen Institutionen an, um politischen Druck für eine systematische Formalisierungsstrategie aufzubauen. Unterstützen Sie die Arbeit von KAGEDEV, die sich für eine verstärkte diaspora-basierte Begleitung dieses Themas einsetzt.
Was ist langfristig nötig?
Ohne eine gezielte Formalisierungsstrategie wird die informelle Beschäftigung angesichts des anhaltenden demografischen Wachstums der jungen Bevölkerung Kameruns voraussichtlich weiter zunehmen. Gleichzeitig eröffnen die wachsende digitale Vernetzung, mobile Bezahldienste und das gestiegene internationale Interesse an Programmen für wirtschaftliche Resilienz neue Möglichkeiten für schrittweise Formalisierungsansätze. Die kamerunische Diaspora kann hierbei eine Brückenfunktion übernehmen, indem sie Wissen, Netzwerke und punktuelle finanzielle Unterstützung bereitstellt. KAGEDEV wird die Entwicklung dieses Themas weiterverfolgen und sich für eine stärkere Priorisierung der Unterbeschäftigungsfrage in der bilateralen Zusammenarbeit einsetzen.
Wie messen wir Fortschritt?
- Anteil unterbeschäftigter Erwerbstätiger in Kamerun (Basis: rund 70,6 %)
- Anteil informell beschäftigter junger Erwerbstätiger 15–35 Jahre (Basis: 92,0 %, CEPI 2025)
- Anteil der NEET unter jungen Kamerunerinnen und Kamerunern (Basis: 23,2 %, Schätzung 2021)
- Zahl der bei der CNPS freiwillig versicherten informell Beschäftigten und Kleinstunternehmer
- Anzahl der über ein vereinfachtes Registrierungsverfahren ("registre unique") formalisierten Kleinstunternehmen
Unsere Haltung
KAGEDEV vertritt keine Partei und keine politische Richtung. Der Verein setzt sich ausschließlich auf Basis überprüfbarer Daten und im Interesse der jungen Erwerbstätigen Kameruns für eine schrittweise, sozial abgesicherte Formalisierung der Beschäftigung ein.
Dialog und Zusammenarbeit
Kamerun verfügt über ein Arbeitsgesetzbuch (Code du travail) und ein System der Sozialversicherung (CNPS – Caisse Nationale de Prévoyance Sociale), das grundsätzlich auch auf informell Beschäftigte ausgeweitet werden könnte, in der Praxis aber überwiegend formelle Arbeitsverhältnisse erfasst. Das Ministerium für Beschäftigung und Berufsbildung (MINEFOP) ist für die nationale Beschäftigungspolitik zuständig, verfügt jedoch über begrenzte Mittel zur Durchsetzung von Formalisierungsmaßnahmen im großflächigen informellen Sektor. Auf internationaler Ebene hat Kamerun mehrere Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO/BIT) ratifiziert, die den schrittweisen Übergang von der informellen zur formellen Wirtschaft als politisches Ziel vorsehen (u. a. die ILO-Empfehlung 204 zum Übergang von der informellen zur formellen Wirtschaft). Die konkrete Umsetzung dieser Verpflichtungen bleibt jedoch lückenhaft, insbesondere was den Zugang zu einer freiwilligen, für Kleinstunternehmer und Selbstständige zugänglichen Sozialversicherung betrifft. KAGEDEV verfolgt die Entwicklung der Beschäftigungssituation junger Menschen in Kamerun im Rahmen seines Engagements für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes und im Austausch mit Mitgliedern der Diaspora, deren Familienangehörige unmittelbar von prekärer informeller Beschäftigung betroffen sind. Der Verein beobachtet mit Sorge, dass trotz vereinzelter Programme internationaler Partner keine systematische Strategie zur Formalisierung der Jugendbeschäftigung sichtbar ist. Diese Beobachtung beruht auf öffentlich zugänglichen Quellen und auf dem Erfahrungsaustausch innerhalb der Diaspora; sie erhebt keinen Anspruch auf eine erschöpfende Bewertung der Regierungspolitik.
