KAGEDEV — Kamerunische Gemeinschaft in Deutschland e.V.
Plaidoyer · BildungVeröffentlicht

Schulausfall in Nordwest und Südwest: Bildung darf keine Kriegsware sein

In Nordwest und Südwest funktionieren vier von zehn Schulen nicht mehr. Über 246 000 Kinder sind betroffen, Schulen wurden 2024 in mindestens 43 Fällen direkt angegriffen. Der Wiederaufbauplan der Regierung existiert, kommt aber langsam voran. Wir fordern eine beschleunigte, transparente Umsetzung mit klaren Fristen, echten Sicherheitsgarantien für Schulen und einer Stimme für die betroffenen Familien bei den Entscheidungen, die ihre Kinder betreffen.

Stand: 2026-09-13Als PDF herunterladen

Auf einen Blick

  • 41 Prozent der Schulen in Nordwest und Südwest funktionieren nicht mehr.
  • 246 354 Kinder waren im September 2023 direkt betroffen.
  • 43 Angriffe auf Schulen allein im Jahr 2024.
  • Der PPRD-NOSO existiert, doch nur 600 von 2500 Milliarden FCFA sind mobilisiert.
  • Wiederaufbau braucht Tempo, Sicherheit und die Stimme der betroffenen Familien.

Zahlen im Überblick

41% nicht funktionsfähige Schulen (2024)
Quelle: UNICEF, mit OCHA-Bildungscluster gegenzuprüfen
246 354 betroffene Kinder (09/2023)
Quelle: UNICEF
43 Angriffe auf Schulen 2024, davon 36 in Nordwest
Quelle: UNICEF
600 von 2500 Mrd FCFA PPRD-NOSO mobilisiert (07/2024)
Quelle: MINEPAT
22 sanierte Schulen, ~7000 Lernende
Quelle: MINEPAT

Worum geht es?

Seit Jahren ist die Schule in weiten Teilen von Nordwest und Südwest kein sicherer Ort mehr. Die anglophone Krise hat aus Klassenzimmern manchmal Zielscheiben gemacht und aus dem Schulweg ein Risiko. Das Bildungsrahmengesetz Nr. 98/004 vom 14. April 1998 verspricht jedem Kind in Kamerun Zugang zu Bildung. In den beiden anglophonen Regionen ist dieses Versprechen für sehr viele Familien heute nicht eingelöst. Die Regierung hat mit dem PPRD-NOSO, dem präsidialen Plan zum Wiederaufbau und zur Entwicklung von Nordwest und Südwest, am 3. April 2020 einen Rahmen geschaffen, um Schulen wieder aufzubauen und Bildung zurückzuholen. Der Bedarf bleibt jedoch groß, und das Tempo der Umsetzung steht in keinem Verhältnis zur Dringlichkeit, die Familien vor Ort jeden Tag erleben.

Wen betrifft es?

Es geht um Kinder, die zur Schule gehen wollten und es nicht mehr konnten. Um Lehrerinnen und Lehrer, die weiter unterrichten, obwohl ihre Schule beschädigt oder bedroht ist. Um Eltern, die zwischen dem Schulweg ihres Kindes und dessen Sicherheit abwägen müssen. Und es geht um die kamerunische Diaspora in Deutschland, die Familie in Bamenda, Kumba oder Mamfe hat und aus der Ferne mit ansehen muss, wie eine ganze Generation ohne durchgehende Schulbildung aufwächst.

Was zeigen die Daten?

Nach Angaben von UNICEF waren 2024 41 Prozent der Schulen in Nordwest und Südwest nicht funktionsfähig; diese Zahl beruht auf UNICEF-Berichten und sollte, wie in unserem separaten Plaidoyer zur Lage vertriebener Jugendlicher vermerkt, mit dem Bildungscluster von OCHA gegengeprüft werden. Im September 2023 waren 246 354 Kinder direkt betroffen. Allein im Jahr 2024 wurden 43 Angriffe auf Bildungseinrichtungen gezählt, 36 davon in Nordwest und 7 in Südwest. Zwischen Juli und September 2024 registrierte UNICEF 35 weitere Vorfälle, darunter 10 gezielte Entführungen. Landesweit sind laut dem Norwegian Refugee Council rund 1,4 Millionen Kinder, die von den drei Krisen des Landes betroffen sind, dringend auf Bildungshilfe angewiesen. Auf der Seite der Antwort steht der PPRD-NOSO: Bis Juli 2024 wurden 22 Schulen saniert, was rund 7000 Lernenden zugutekommt. Von den geplanten 2500 Milliarden FCFA wurden bislang 600 Milliarden FCFA mobilisiert. Eine häufig zitierte Zahl von 1,7 Millionen Bedarf beziehungsweise 638 000 Vertriebenen ist eine sekundäre Gesamtzahl, die nicht eigens für Nordwest und Südwest bestätigt ist. Wir nennen sie hier nur, um zur Vorsicht zu mahnen: Sie sollte nicht als eigenständiger Beleg für die beiden Regionen verwendet werden.

Warum besteht Handlungsbedarf?

Eine Schule, die nicht funktioniert, ist mehr als ein leeres Gebäude. Es ist ein Jahr, das ein Kind nicht nachholen kann. 41 Prozent nicht funktionsfähige Schulen bedeuten, dass in ganzen Ortschaften keine geregelte Bildung mehr stattfindet. 43 Angriffe in einem einzigen Jahr zeigen, dass Schulen nicht nur kollateral betroffen sind, sondern gezielt ins Visier geraten. Der PPRD-NOSO ist ein richtiger Ansatz, aber 600 von 2500 Milliarden FCFA nach über vier Jahren Laufzeit zeigen ein Umsetzungstempo, das der Realität der Kinder nicht gerecht wird. Jedes Jahr, das ohne beschleunigte Umsetzung vergeht, ist ein Jahr, das nicht wiederkommt.

Was muss sich ändern?

  1. Der Premierminister, der den PPRD-NOSO beaufsichtigt, soll bis Ende 2027 einen öffentlichen, jährlich aktualisierten Umsetzungsbericht mit Zahlen zu sanierten Schulen und mobilisierten Mitteln vorlegen, damit Fortschritt überprüfbar wird.
  2. MINEDUB und MINESEC sollen gemeinsam mit den Gouverneuren von Nordwest und Südwest bis Ende 2026 ein Schutzprotokoll für Schulen einführen, das Angriffe und Entführungen erfasst und öffentlich meldet, mit dem Ziel, die Zahl der Vorfälle messbar zu senken.
  3. MINEPAT soll die Mittelmobilisierung für den PPRD-NOSO beschleunigen, mit dem Ziel, bis 2028 mindestens 50 Prozent der geplanten 2500 Milliarden FCFA bereitzustellen, und den Fortschritt vierteljährlich veröffentlichen.
  4. Die Gouverneure von Nordwest und Südwest sollen bis Mitte 2027 einen formellen Konsultationsmechanismus mit Elternvertretungen, Lehrkräften und lokalen Gemeinschaften einrichten, damit Wiederaufbauentscheidungen die Bedürfnisse vor Ort widerspiegeln.
  5. MINEDUB soll für die im Rahmen des PPRD-NOSO sanierten Schulen ein Monitoring der tatsächlichen Wiederaufnahme des Unterrichts einführen, mit dem Indikator: Anteil sanierter Schulen, die ein Jahr später noch regulär funktionieren.

An wen richten sich unsere Forderungen?

Unsere Forderungen richten sich an den Premierminister als Aufsicht über den PPRD-NOSO, an das Bildungsministerium MINEDUB und das Sekundarschulministerium MINESEC als operative Träger, an MINEPAT als Koordinationsstelle für Wiederaufbaufinanzierung, sowie an die Gouverneure der Regionen Nordwest und Südwest als lokale Vollzugsebene.

Was kann kurzfristig geschehen?

In den nächsten 12 bis 24 Monaten kann ein öffentlicher Fortschrittsbericht zum PPRD-NOSO eingeführt werden, der zeigt, wie viele Schulen saniert wurden und wie viel Geld tatsächlich angekommen ist. Ein Meldesystem für Angriffe auf Schulen kann aufgebaut werden, das Vorfälle zeitnah erfasst, statt sie erst rückblickend über Berichte internationaler Organisationen sichtbar zu machen. Erste, auch kleine Konsultationsrunden mit Eltern- und Lehrerverbänden in besonders betroffenen Bezirken können zeigen, dass die Stimme der Familien vor Ort gehört wird.

Was ist langfristig nötig?

Langfristig braucht es einen PPRD-NOSO, der sein Ziel von 2500 Milliarden FCFA tatsächlich erreicht, nicht nur ankündigt. Es braucht Schulen, die dauerhaft sicher sind, nicht nur wieder aufgebaut und erneut gefährdet. Und es braucht eine Generation von Kindern in Nordwest und Südwest, die ihre Schulzeit ohne Unterbrechung durch Gewalt beenden kann. Das ist ein Ziel über mehrere Regierungsperioden hinweg, kein Projekt mit einem Enddatum.

Wie messen wir Fortschritt?

  • Anteil funktionsfähiger Schulen in Nordwest und Südwest (Basis: 41 Prozent nicht funktionsfähig, 2024)
  • Zahl der betroffenen Kinder gegenüber dem Referenzwert von 246 354 (September 2023)
  • Zahl der Angriffe auf Bildungseinrichtungen pro Jahr, ausgehend von 43 im Jahr 2024
  • Anteil der mobilisierten PPRD-NOSO-Mittel gegenüber dem Ziel von 2500 Milliarden FCFA (600 Milliarden erreicht, Stand Juli 2024)
  • Zahl der sanierten Schulen und der davon profitierenden Lernenden, ausgehend von 22 Schulen und rund 7000 Lernenden

Unsere Haltung

KAGEDEV vertritt keine Partei und keine politische Richtung. Wir stellen keine Forderung, die einer bestimmten Gruppierung nützt oder eine andere angreift. Unser Anliegen ist einfach: Kinder in Nordwest und Südwest sollen zur Schule gehen können, ohne Angst zu haben. Wir sprechen dies als kamerunische Gemeinschaft in Deutschland an, aus Verbundenheit mit unserem Herkunftsland und aus der Überzeugung, dass Bildung eine Grundlage ist, die keine Krise dauerhaft zerstören darf.

Dialog und Zusammenarbeit

Wir sind offen für den Austausch mit MINEDUB, MINESEC, MINEPAT und den Behörden der beiden Regionen. Wir laden auch Elternverbände, Lehrergewerkschaften und internationale Partner wie UNICEF ein, ihre Sicht einzubringen. Eine direkte Konsultation der betroffenen Bevölkerung in Nordwest und Südwest ist bislang nicht dokumentiert, und wir sehen genau darin einen ersten Schritt, den wir gemeinsam anstoßen möchten.

Quellen und Methodik

- UNICEF, "Education under attack in the Northwest and Southwest regions: Updates, January 2024", reliefweb.int - UNICEF, SitRep September 2024 - Norwegian Refugee Council, "Central and West Africa: Education", September 2024, nrc.no - MINEPAT, Stand PPRD-NOSO, Juli 2024 - Gesetz Nr. 98/004 vom 14. April 1998 (Bildungsrahmengesetz)