Vergessene Vertreibung: Wie Kamerun Binnenvertriebenen eine Zukunft geben kann — und wie Deutschland dabei helfen sollte
Kamerun steht vor drei gleichzeitigen humanitären Krisen — im Nordwesten und Südwesten, im Grenzgebiet zum Tschadsee und durch die Aufnahme zentralafrikanischer Geflüchteter im Osten. Fast eine Million Menschen sind im eigenen Land vertrieben, oft über Jahre hinweg, ohne dauerhafte Lösung. KAGEDEV fordert eine Verstärkung der deutschen Unterstützung für Schutz und wirtschaftliche Inklusion dieser Menschen — als Ausdruck gelebter deutsch-kamerunischer Partnerschaft.
Auf einen Blick
- Kamerun erlebt drei gleichzeitige humanitäre Krisen mit fast einer Million Binnenvertriebenen.
- Viele Betroffene leben seit sieben bis über zehn Jahren in provisorischen Verhältnissen.
- Aufnahmefamilien tragen eine oft übersehene, wachsende Last.
- Deutschland finanziert bereits konkrete Inklusionsprogramme — sie brauchen mehr Mittel.
- Nachhaltige Lösungen statt reiner Nothilfe müssen Priorität erhalten.
Zahlen im Überblick
- ~969.000 Binnenvertriebene
- Quelle: OCHA/IOM, August 2025
- ~791.000 Rückkehrer/innen
- Quelle: OCHA/IOM
- ~426.000 Geflüchtete und Asylsuchende
- Quelle: OCHA/IOM
- 3,3–3,4 Mio. Menschen mit humanitärem Bedarf 2025
- Quelle: OCHA Humanitarian Needs Overview 2025
Worum geht es?
Seit 2016/2017 erschüttert der sogenannte anglophone Konflikt die Regionen Nordwest und Südwest Kameruns. Gleichzeitig destabilisiert der Konflikt rund um den Tschadsee (Boko Haram) den äußersten Norden des Landes. Im Osten nimmt Kamerun zugleich Geflüchtete aus der Zentralafrikanischen Republik auf. Diese drei Krisen erzeugen zusammen eine der größten und am wenigsten beachteten Vertreibungssituationen Afrikas. Betroffene Familien leben häufig bei Verwandten, die selbst kaum über Ressourcen verfügen, in spontanen Siedlungen ohne gesicherten Zugang zu Wasser, Gesundheitsversorgung oder Bildung, oder sind mehrfach vertrieben worden. Das Plaidoyer widmet sich nicht der akuten Nothilfe allein, sondern vor allem der Frage, wie langfristige Perspektiven — Rückkehr, lokale Integration oder Neuansiedlung — ermöglicht werden können.
Wen betrifft es?
Betroffen sind in erster Linie Familien aus den Regionen Nordwest, Südwest und Extrême-Nord sowie zentralafrikanische und nigerianische Geflüchtete. Innerhalb dieser Gruppen tragen Frauen, die häufig allein für den Haushalt verantwortlich sind, Kinder mit unterbrochener Schulbildung, sowie ältere und kranke Menschen mit eingeschränkter Mobilität die größte Last. Aufnahmefamilien, die über Jahre zusätzliche Angehörige versorgen, sind ebenfalls stark belastet, auch wenn sie in der öffentlichen Wahrnehmung selten als eigene Zielgruppe erscheinen. Für die kamerunische Diaspora in Deutschland ist dieses Thema keine abstrakte Statistik: Viele Mitglieder von KAGEDEV haben Familie in genau diesen Regionen und stehen in direktem Kontakt mit vertriebenen oder aufnehmenden Haushalten.
Was zeigen die Daten?
Nach Angaben von OCHA und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) lebten im August 2025 rund 969.000 Menschen als Binnenvertriebene in Kamerun (Quelle: OCHA/IOM, Fiabilität: mittel bis hoch). Eine frühere Schätzung von OCHA nannte für Ende September 2024 über eine Million Vertriebene — solche Schwankungen sind bei dynamischen humanitären Statistiken üblich und stellen die grundsätzliche Größenordnung der Krise nicht infrage. Hinzu kommen rund 791.000 Rückkehrer/innen sowie etwa 426.000 Geflüchtete und Asylsuchende, überwiegend aus Nigeria und der Zentralafrikanischen Republik (UNHCR nannte für Ende Juni 2025 mit rund 699.500 Rückkehrer/innen eine niedrigere Zahl — auch hier gilt, dass unterschiedliche Erhebungsstichtage und Quellen zu abweichenden Werten führen können). Der Humanitarian Needs Overview 2025 von OCHA (Januar 2025) beziffert den humanitären Gesamtbedarf auf 3,3 bis 3,4 Millionen Menschen, darunter rund eine Million Binnenvertriebene. Eine indikative regionale Aufteilung nennt etwa 1,4 Millionen Betroffene im äußersten Norden, 1,1 Millionen im Nordwesten/Südwesten und rund 337.000 zentralafrikanische bzw. urbane Geflüchtete. Wichtig für die Einordnung: Die genaue regionale Verteilung unterscheidet sich je nach Quelle (OCHA, IOM, UNHCR), was die generelle Größenordnung der Krise nicht schmälert, aber zu Vorsicht bei allzu präzisen Einzelzahlen mahnt. Quellen mit unterschiedlicher Methodik einzubeziehen ist hier bewusst gewählt, um die Unsicherheit transparent zu machen, statt eine falsche Genauigkeit vorzutäuschen.
Warum besteht Handlungsbedarf?
Vertreibung in Kamerun ist kein kurzfristiges Phänomen: Viele Betroffene leben seit sieben bis neun Jahren (anglophone Krise) beziehungsweise über ein Jahrzehnt (Tschadsee-Region) in provisorischen Verhältnissen. Eine Generation von Kindern wächst ohne kontinuierlichen Schulbesuch auf. Aufnahmegemeinschaften, die zunächst aus Solidarität handelten, sind zunehmend überlastet. Ohne verstärkte internationale Unterstützung für nachhaltige Lösungen — Existenzsicherung, lokale Integration, sichere Rückkehr — droht sich die Vertreibung dauerhaft zu verfestigen, mit entsprechenden Folgekosten für Gesellschaft und Wirtschaft Kameruns über Generationen hinweg.
Was muss sich ändern?
- Verstärkung der deutschen Finanzierung von Programmen zur sozioökonomischen Inklusion Binnenvertriebener in Kamerun, aufbauend auf dem bestehenden GIZ/UNHCR/MINDDEVEL-Programm.
- Stärkere Berücksichtigung der Vertreibungsproblematik im politischen Dialog zwischen Deutschland und Kamerun, einschließlich der Frage nach sicheren und freiwilligen Rückkehrmöglichkeiten.
- Unterstützung der Bildungskontinuität für vertriebene Kinder als eigenständige Priorität deutscher Entwicklungszusammenarbeit.
- Förderung von Aufnahmegemeinschaften, die seit Jahren zusätzliche Familien versorgen, nicht nur der Vertriebenen selbst.
- Verbesserte, transparente und regelmäßig aktualisierte Datenerhebung zur Vertreibungssituation, um Hilfsmaßnahmen zielgenauer zu gestalten.
An wen richten sich unsere Forderungen?
Kamerun hat die Kampala-Konvention der Afrikanischen Union zum Schutz von Binnenvertriebenen unterzeichnet und ist Vertragsstaat der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 sowie ihres Zusatzprotokolls von 1967. Auf nationaler Ebene sind das Ministerium für soziale Angelegenheiten (MINAS) und das Ministerium für territoriale Verwaltung (MINAT) sowie die Nationale Kommission für Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration (CNDDR) mit Fragen der Vertreibung befasst. Auf internationaler Ebene koordiniert OCHA die humanitäre Antwort, während UNHCR für den Schutz von Geflüchteten und Vertriebenen zuständig ist und UNICEF sich auf den Kinderschutz konzentriert. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (BMZ/GIZ) engagiert sich konkret: Ein 2025 dokumentiertes Programm von GIZ, UNHCR und dem kamerunischen Ministerium für Dezentralisierung (MINDDEVEL) fördert die sozioökonomische Inklusion gewaltsam vertriebener Menschen im Westen Kameruns. Auf kamerunischer Seite richten sich unsere Forderungen an: MINAS, MINAT, die Gouverneure der betroffenen Regionen sowie die CNDDR. Auf internationaler Ebene an: OCHA Kamerun als humanitärer Koordinator, UNHCR für Schutzfragen, UNICEF für Kinderschutz, IOM für Vertreibungsdaten und -management sowie der globale Schutz-Cluster. Auf deutscher Seite an: das Auswärtige Amt, das für humanitäre Hilfe zuständig ist, sowie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit seiner Durchführungsorganisation GIZ, die bereits konkrete Inklusionsprogramme für Vertriebene mitfinanzieren.
Was kann kurzfristig geschehen?
Informieren Sie sich über die Arbeit von OCHA, UNHCR und UNICEF in Kamerun und unterstützen Sie deren Programme, sofern möglich. Sprechen Sie das Thema gegenüber Ihren Bundestagsabgeordneten an, insbesondere im Zusammenhang mit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Teilen Sie sachliche Informationen über die Lage in Kamerun in Ihrem Umfeld, um die öffentliche Aufmerksamkeit für eine oft übersehene Krise zu erhöhen. Unterstützen Sie die Arbeit von KAGEDEV, die den Dialog zwischen der kamerunischen Diaspora und deutschen Institutionen fördert.
Was ist langfristig nötig?
Ohne eine deutliche Verstärkung nachhaltiger Lösungsansätze droht die Vertreibung in Kamerun zu einem strukturellen Dauerzustand zu werden. Zugleich zeigt das bestehende GIZ/UNHCR/MINDDEVEL-Programm, dass konkrete, wirksame Zusammenarbeit möglich ist. KAGEDEV setzt sich dafür ein, dass dieser Ansatz ausgebaut und die betroffenen Regionen — Herkunftsregionen vieler ihrer Mitglieder — nicht aus dem Blick geraten.
Wie messen wir Fortschritt?
- Anzahl der Binnenvertriebenen in Kamerun (Basis: rund 969.000, OCHA/IOM, August 2025)
- Anzahl der Rückkehrer/innen (Basis: rund 791.000 bzw. 699.500 je nach Quelle)
- Umfang der deutschen Finanzierung für sozioökonomische Inklusionsprogramme für Binnenvertriebene (Basis: bestehendes GIZ/UNHCR/MINDDEVEL-Programm)
- Anteil vertriebener Kinder mit kontinuierlichem Schulbesuch
Unsere Haltung
KAGEDEV vertritt keine Partei und keine politische Richtung. Dieses Dokument dient der politischen Interessenvertretung (Advocacy) und erhebt keinen Anspruch auf vollständige wissenschaftliche Erfassung der Situation. Für weiterführende Informationen wird auf die genannten Quellen verwiesen.
Dialog und Zusammenarbeit
KAGEDEV verfolgt die humanitäre Lage in den Herkunftsregionen seiner Mitglieder aufmerksam und steht über familiäre und gemeinschaftliche Netzwerke in Kontakt mit Betroffenen vor Ort. Der Verein hat wiederholt Informationen zu bestehenden Unterstützungsprogrammen innerhalb der Gemeinschaft geteilt und den Austausch mit in Deutschland tätigen Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit gesucht. Eine systematische, öffentlich dokumentierte Kampagne zu diesem spezifischen Thema steht noch aus; dieses Plaidoyer bildet den Auftakt dazu.
