KAGEDEV — Kamerunische Gemeinschaft in Deutschland e.V.
Plaidoyer · Extreme LebensbedingungenVeröffentlicht

Hunger im Schatten des Konflikts: Warum der äußerste Norden Kameruns mehr Unterstützung braucht

Im äußersten Norden Kameruns verschärfen strukturelle Armut und die Folgen des Boko-Haram-Konflikts eine chronische Ernährungskrise, während internationale Geber wie das Welternährungsprogramm ihre Mittel kürzen. Kinder und Frauen sind besonders betroffen. KAGEDEV fordert, dass Deutschland sein Engagement für Ernährungssicherheit in dieser Region aufrechterhält und verstärkt, statt dem allgemeinen Trend sinkender humanitärer Finanzierung zu folgen.

Veröffentlicht am 13. September 2026Als PDF herunterladen

Auf einen Blick

  • 2,6 Millionen Menschen in Kamerun sind 2025 von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen.
  • Der äußerste Norden konzentriert über 1,2 Millionen dieser Fälle.
  • Hunderttausende Kinder leiden an akuter oder chronischer Mangelernährung.
  • Internationale Geber wie das WFP kürzen ihre Mittel — zur falschen Zeit.
  • Deutschland kann mit bestehenden Programmen gegensteuern.

Zahlen im Überblick

2,6 Mio. Menschen mit akuter Ernährungsunsicherheit in Kamerun (2025)
Quelle: WFP/Cluster Sécurité alimentaire
>1,2 Mio. davon im äußersten Norden (+6% ggü. 2024, +14% über 5 Jahre)
Quelle: WFP/Cluster Sécurité alimentaire
~395.000–400.000 mangelernährte Kinder (6–59 Monate), davon ~147.000 schwere Fälle
Quelle: sekundäre Quelle, mittlere Zuverlässigkeit, 2024
29% Wachstumsverzögerung bei Kindern unter 5 Jahren
Quelle: mittlere Zuverlässigkeit

Worum geht es?

Die Region Extrême-Nord Kameruns gehört zu den ärmsten des Landes und war bereits vor Beginn des Konflikts mit Boko Haram strukturell benachteiligt. Der bewaffnete Konflikt hat Landwirtschaft, Handel und Mobilität in der Region zusätzlich beeinträchtigt. Das Ergebnis ist eine sich verschärfende Ernährungsunsicherheit: Immer mehr Menschen können ihren Grundbedarf an Nahrung nicht decken, und Kinder leiden in erheblichem Ausmaß an akuter wie chronischer Mangelernährung. Gleichzeitig ziehen sich wichtige internationale Geber aus der Finanzierung zurück, was die Versorgungslage weiter verschärft.

Wen betrifft es?

Am stärksten betroffen sind Kleinbauern-Familien und Haushalte ohne verlässliches Einkommen im äußersten Norden Kameruns, insbesondere in Gebieten, die vom Konflikt am stärksten betroffen sind. Innerhalb dieser Haushalte tragen Kinder unter fünf Jahren und Frauen im gebärfähigen Alter das größte gesundheitliche Risiko durch Mangelernährung und Anämie. Für die kamerunische Diaspora, von der ein bedeutender Teil aus dem Norden und äußersten Norden stammt, ist die Ernährungssituation der Familie vor Ort ein unmittelbares und persönliches Anliegen.

Was zeigen die Daten?

Für 2025 wird von einer akuten Ernährungsunsicherheit für 2,6 Millionen Menschen in Kamerun ausgegangen, davon über 1,2 Millionen allein im äußersten Norden (Quelle: Welternährungsprogramm/Cluster Sécurité alimentaire, Fiabilität: gut). Dies entspricht einem Anstieg von rund 6% gegenüber 2024 und von rund 14% über die vergangenen fünf Jahre. Bei der Mangelernährung von Kindern liegen Schätzungen für 2024 bei rund 395.000 bis 400.000 betroffenen Kindern zwischen 6 und 59 Monaten, davon rund 147.000 mit schwerer akuter Mangelernährung (Fiabilität: mittel, sekundäre Quelle, sollte vor abschließender Veröffentlichung nochmals gegen eine Primärquelle geprüft werden). Weitere Indikatoren zur chronischen Mangelernährung, ebenfalls mit mittlerer Zuverlässigkeit eingestuft, weisen auf erhebliche Belastungen hin: 29% der Kinder unter fünf Jahren zeigen Anzeichen von Wachstumsverzögerung (Stunting), 4% von akuter Auszehrung (Wasting) und 11% von Untergewicht; 57% der Kinder zwischen 6 und 59 Monaten sind von Anämie betroffen. Bereits vor der Verschärfung durch den Boko-Haram-Konflikt lebten schätzungsweise 74% der Bevölkerung des äußersten Nordens unterhalb der Armutsgrenze (genaues Datum unsicher, vermutlich vor 2014) — ein Hinweis darauf, dass es sich um ein strukturelles und nicht nur konfliktbedingtes Problem handelt. Das Welternährungsprogramm (WFP) weist öffentlich auf einen deutlichen Rückgang seiner Finanzierung zwischen 2022 und 2025 hin, der zu Kürzungen bei Nahrungsmittel- und Ernährungshilfe führt.

Warum besteht Handlungsbedarf?

Mangelernährung in den ersten Lebensjahren hat langfristige, oft irreversible Folgen für die körperliche und kognitive Entwicklung von Kindern. Eine Region, die bereits strukturell arm ist und zusätzlich unter Konfliktfolgen leidet, kann diese Krise nicht ohne externe Unterstützung bewältigen. Der dokumentierte Rückgang der internationalen humanitären Finanzierung — insbesondere durch das WFP — trifft die Region in einem besonders ungünstigen Moment, in dem die Bedarfe steigen, während die Mittel sinken. Ohne Gegensteuern droht eine humanitäre Verschlechterung mit Folgen für eine ganze Generation.

Was muss sich ändern?

  1. Aufrechterhaltung und Verstärkung der deutschen Finanzierung für Ernährungssicherheit und ländliche Entwicklung im äußersten Norden Kameruns, um den Rückzug anderer Geber teilweise auszugleichen.
  2. Gezielte Unterstützung von Programmen zur Behandlung und Prävention akuter und chronischer Mangelernährung bei Kindern unter fünf Jahren.
  3. Einbeziehung der Ernährungssicherheit als eigenständiges Thema im politischen Dialog zwischen Deutschland und Kamerun.
  4. Förderung von Programmen, die strukturelle Armut und Konfliktfolgen gemeinsam adressieren, statt reiner Nothilfe.
  5. Transparente, regelmäßig aktualisierte Berichterstattung über Finanzierungslücken und deren Auswirkungen auf die Versorgungslage vor Ort.

An wen richten sich unsere Forderungen?

Das Recht auf angemessene Ernährung ist im Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte verankert, den Kamerun ratifiziert hat. National sind das Gesundheitsministerium (MINSANTE), das Landwirtschaftsministerium (MINADER) sowie das nationale Komitee zur Bekämpfung von Mangelernährung mit der Thematik befasst. Auf internationaler Ebene engagieren sich das Welternährungsprogramm (WFP), das öffentlich vor Finanzierungslücken warnt, UNICEF im Bereich Kindergesundheit und Ernährung sowie der Food Security Cluster. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit (BMZ/GIZ) unterstützt Projekte der ländlichen Entwicklung und Ernährungssicherheit in Kamerun, unter anderem im Baumwollgürtel des Landes über das mit der EU kofinanzierte Programm ABC-PADER (2020–2024). Auf kamerunischer Seite richten sich unsere Forderungen an: MINSANTE, MINADER und das nationale Komitee zur Bekämpfung von Mangelernährung. International an: das Welternährungsprogramm (WFP), UNICEF und der Food Security Cluster. Auf deutscher Seite an: das BMZ und die GIZ als Durchführungsorganisation, die bereits Erfahrung mit Ernährungssicherheits- und ländlichen Entwicklungsprojekten in der Region hat.

Was kann kurzfristig geschehen?

Informieren Sie sich über die Arbeit des Welternährungsprogramms und von UNICEF in Kamerun und unterstützen Sie deren Programme, sofern möglich. Machen Sie das Thema Ernährungssicherheit gegenüber Ihren politischen Vertreterinnen und Vertretern sichtbar, insbesondere im Kontext der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Teilen Sie sachliche Informationen über die Situation im äußersten Norden Kameruns in Ihrem Umfeld. Unterstützen Sie die Advocacy-Arbeit von KAGEDEV.

Was ist langfristig nötig?

Die Kombination aus struktureller Armut, Konfliktfolgen und sinkender internationaler Finanzierung stellt eine ernste Bedrohung für die Ernährungssicherheit im äußersten Norden Kameruns dar. Bestehende deutsche Programme im Bereich ländliche Entwicklung zeigen, dass wirksame Unterstützung möglich ist. KAGEDEV setzt sich dafür ein, dass diese Programme ausgebaut werden, um den dokumentierten Rückgang anderer Finanzierungsquellen abzufedern und eine Generation von Kindern vor den langfristigen Folgen der Mangelernährung zu schützen.

Wie messen wir Fortschritt?

  • Anzahl der Menschen mit akuter Ernährungsunsicherheit in Kamerun (Basis: 2,6 Mio., 2025)
  • Anzahl der Betroffenen im äußersten Norden (Basis: über 1,2 Mio., +6% ggü. 2024)
  • Anzahl mangelernährter Kinder zwischen 6 und 59 Monaten (Basis: ca. 395.000–400.000, davon ca. 147.000 schwere Fälle, 2024)
  • Umfang der WFP-Finanzierung für Kamerun sowie der deutschen Ergänzungsfinanzierung über GIZ

Unsere Haltung

KAGEDEV vertritt keine Partei und keine politische Richtung. Dieses Dokument dient der politischen Interessenvertretung (Advocacy). Einzelne Daten mit mittlerer Zuverlässigkeit sind entsprechend gekennzeichnet und sollten vor weiterer Verwendung anhand von Primärquellen überprüft werden.

Dialog und Zusammenarbeit

KAGEDEV beobachtet die Ernährungssituation im Norden und äußersten Norden Kameruns über die direkten familiären Verbindungen ihrer Mitglieder und hat innerhalb der Gemeinschaft wiederholt auf Warnmeldungen internationaler Organisationen wie des WFP hingewiesen. Der Verein hat noch keine eigene groß angelegte Kampagne zu diesem spezifischen Thema durchgeführt; dieses Plaidoyer markiert den Beginn eines strukturierten Engagements.

Quellen und Methodik

- OCHA Cameroon Humanitarian Needs Overview 2025 (Januar 2025): https://www.unocha.org/publications/report/cameroon/cameroon-humanitarian-needs-overview-2025-january-2025 - OCHA Cameroon Humanitarian Update, September 2025: https://www.unocha.org/publications/report/cameroon/cameroon-humanitarian-update-september-2025 - Food Security Cluster Kamerun: https://fscluster.org/cameroon - WFP Kamerun: https://www.wfp.org/countries/cameroon - „Empty cooking pots, rising hunger in Cameroon" (WFP): https://www.wfp.org/stories/empty-cooking-pots-rising-hunger-cameroon - „WFP warns of major cuts" (WFP): https://www.wfp.org/news/wfp-warns-major-cuts-food-aid-cameroon-resources-risk-running-out - Nkafu Policy Institute — „Donor Fatigue, Food Aid Cuts, and Nutrition Risks": https://nkafu.org/donor-fatigue-food-aid-cuts-and-nutrition-risks-for-children-and-women-in-cameroon - GIZ Kamerun: https://www.giz.de/en/fr/cameroun