KAGEDEV — Kamerunische Gemeinschaft in Deutschland e.V.
Plaidoyer · GesundheitVeröffentlicht

Müttersterblichkeit in Kamerun: Was die Zahlen uns sagen

In Kamerun sterben nach amtlichen Schätzungen zwischen 400 und 470 Frauen pro 100.000 Lebendgeburten an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt. Das nationale Ziel liegt bei 70 bis 2030. Eine neue Strategie wurde 2025 gestartet, doch eine eigene Budgetlinie fehlt bislang. KAGEDEV fordert, dass Worte durch überprüfbare Zahlen und Fristen ersetzt werden.

Stand: 2026-09-13Als PDF herunterladen

Auf einen Blick

  • Zwischen 400 und 470 von 100.000 Frauen sterben in Kamerun an den Folgen von Schwangerschaft und Geburt, das nationale Ziel liegt bei 70 bis 2030.
  • Die verfügbaren Zahlen widersprechen sich zwischen Erhebungen, eine geklärte Referenzzahl fehlt bislang.
  • Die neue nationale Strategie 2025-2030 ist ein wichtiger Schritt, braucht aber eine eigene, sichtbare Finanzierung.
  • Das Gesundheitsbudget 2025 (297,2 Milliarden FCFA) enthält keine gesonderte Linie für Mütter- und Kindergesundheit.
  • Fortschritt lässt sich nur messen, wenn Daten, Budget und Umsetzung öffentlich und regelmäßig berichtet werden.

Zahlen im Überblick

406 / 100.000 Lebendgeburten: Müttersterblichkeit laut EDS 2018 (WHO-AFRO)
70 / 100.000: nationales Ziel bis 2030
297,2 Mrd FCFA: Gesundheitsbudget 2025 (4,1% des Gesamtbudgets)
257,7 Mrd FCFA: Gesundheitsbudget 2024
Strategie 2025-2030: gestartet 13.03.2025 mit Africa CDC

Worum geht es?

Wenn eine Frau in Kamerun ein Kind zur Welt bringt, geht sie ein Risiko ein, das in Deutschland kaum noch vorstellbar ist. Die Müttersterblichkeit, also die Zahl der Frauen, die an den Folgen von Schwangerschaft, Geburt oder Wochenbett sterben, ist seit Jahrzehnten dokumentiert, ohne dass sich die Datenlage grundlegend verbessert hätte. Die Zahlen schwanken je nach Quelle und Erhebungsmethode teils erheblich, aber sie zeigen alle in dieselbe Richtung: Kamerun liegt weit über dem, was als vertretbar gilt. Das Land hat sich rechtlich und politisch längst zu Verbesserungen verpflichtet. Das Rahmengesetz 96/030 vom 4. Januar 1996 bildet die gesundheitspolitische Grundlage, die Normen zur reproduktiven Gesundheit und Familienplanung des Gesundheitsministeriums von 2018 wurden mit Unterstützung von UNFPA und ACMS erarbeitet. Im März 2025 kam eine neue nationale Strategie für Gesundheit von Müttern, Neugeborenen, Kindern, Jugendlichen und Ernährung hinzu, gestartet am 13. März gemeinsam mit Africa CDC. Der gute Wille ist also dokumentiert. Was fehlt, ist die Übersetzung in messbare, finanzierte Schritte.

Wen betrifft es?

Direkt betroffen sind Frauen im gebärfähigen Alter in ganz Kamerun, besonders in ländlichen Regionen mit weiten Wegen zur nächsten Gesundheitseinrichtung. Betroffen sind auch die Kinder, die ihre Mütter verlieren, und die Familien, die diesen Verlust tragen. Hebammen, Krankenschwestern und Ärzte in den Entbindungsstationen arbeiten oft ohne ausreichende Ausrüstung und unter hohem Druck. Und nicht zuletzt betrifft es uns, die kamerunische Gemeinschaft in Deutschland: Viele von uns haben Schwestern, Cousinen oder Freundinnen im Land, für die eine Geburt kein Routineereignis, sondern ein echtes Risiko bleibt.

Was zeigen die Daten?

Die Erhebung EDS 2018, durchgeführt mit der sogenannten Schwesternmethode, kommt auf ein Verhältnis von 406 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeburten, eine Zahl, die von der WHO-Region Afrika übernommen wird. Eine andere Quelle, die MICS5-Erhebung von 2018, nennt sekundär 467 pro 100.000, während ältere Daten aus EDS-MICS4 bei 782 pro 100.000 lagen. Diese Abweichung ist bislang nicht aufgeklärt. Wir behandeln die aktuelle Lage deshalb als Größenordnung von etwa 400 bis 470 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeburten, nicht als exakten Punktwert. Eine weitere Quelle, Countdown2030, beschreibt einen Verlauf von 438 im Jahr 2020 auf 406 im Jahr 2022. Auch hier ist die Chronologie zwischen den Quellen nicht einheitlich, was die Einschätzung der tatsächlichen Entwicklung erschwert. Das nationale Ziel im Rahmen der SDG 3 liegt bei 70 Todesfällen pro 100.000 Lebendgeburten bis 2030. Zwischen dem heutigen Stand und diesem Ziel liegt eine sehr große Distanz, egal welche der genannten Zahlen man zugrunde legt. Auf der Finanzierungsseite: Das Gesundheitsbudget 2025 beträgt insgesamt 297,2 Milliarden FCFA, das sind 4,1 Prozent des Gesamtbudgets, gegenüber 257,7 Milliarden FCFA im Jahr 2024. Eine gesonderte Budgetlinie für die RMNCAH-Nut-Strategie ist darin nicht ausgewiesen.

Warum besteht Handlungsbedarf?

Eine Distanz von 400 auf 70 in weniger als vier Jahren ist ambitioniert. Sie ist nicht unmöglich, aber sie verlangt mehr als eine neue Strategie auf Papier. Ohne eine eigene, sichtbare Budgetlinie bleibt unklar, wie viel Geld tatsächlich in Entbindungsstationen, Hebammenausbildung, Notfalltransport und Blutversorgung fließt, verglichen mit dem, was auf dem Papier zugesagt wird. Und ohne eine geklärte Datenlage, mit einer einzigen anerkannten Referenzzahl statt mehrerer widersprüchlicher Werte, kann niemand, weder Ministerium noch Zivilgesellschaft noch internationale Partner, den Fortschritt seriös verfolgen. Das ist keine Frage von gutem oder schlechtem Willen. Es ist eine Frage der Umsetzung. Strategien wurden schon mehrfach beschlossen. Der Unterschied entsteht dort, wo Mittel tatsächlich ankommen und wo Fortschritt öffentlich nachprüfbar gemacht wird.

Was muss sich ändern?

  1. Erstens: Das Gesundheitsministerium, über die Direction de la Santé Familiale, sollte bis Ende 2026 eine einzige, methodisch begründete nationale Referenzzahl zur Müttersterblichkeit veröffentlichen, gemeinsam mit UNFPA und der WHO-Region Afrika, und diese Zahl danach jährlich aktualisieren.
  2. Zweitens: Für die RMNCAH-Nut-Strategie 2025-2030 sollte im Haushaltsgesetz 2027 eine eigene, gesondert ausgewiesene Budgetlinie eingerichtet werden, mit einem öffentlich einsehbaren Ausführungsbericht, der zeigt, wie viel Geld tatsächlich abgeflossen ist.
  3. Drittens: Für Frauen in entlegenen Regionen sollte bis 2027 ein Mechanismus für kostenlosen oder stark subventionierten Notfalltransport zu Entbindungsstationen eingeführt werden, mit einer messbaren Zielgröße für die Abdeckung pro Region.
  4. Viertens: Die Fortschritte der neuen Strategie sollten ab 2026 in einem jährlichen öffentlichen Bericht dargestellt werden, der auch für zivilgesellschaftliche Organisationen und die Diaspora zugänglich ist, mit konkreten Zwischenzielen für 2027 und 2028 auf dem Weg zum Ziel von 70 bis 2030.

An wen richten sich unsere Forderungen?

Unsere Forderungen richten sich an das Gesundheitsministerium (MINSANTE) unter der Leitung von Dr. Manaouda Malachie, an die Direction de la Santé Familiale als zuständige Fachabteilung, an UNFPA Kamerun und Africa CDC als technische und finanzielle Partner der neuen Strategie, sowie an die WHO-Region Afrika als Referenzstelle für die Datenlage. Wo Haushaltsentscheidungen betroffen sind, richten sie sich auch an das kamerunische Parlament.

Was kann kurzfristig geschehen?

In den kommenden 12 bis 24 Monaten kann die Direction de la Santé Familiale gemeinsam mit UNFPA eine technische Klärung der widersprüchlichen Zahlen aus EDS, MICS5 und Countdown2030 einleiten und die Methodik offenlegen. Parallel dazu kann die Umsetzung der 2025 gestarteten Strategie in den am stärksten betroffenen Regionen priorisiert beginnen, mit einer ersten öffentlichen Zwischenbilanz Ende 2027. Auch eine erste Kartierung der bestehenden Notfalltransportlücken ist in diesem Zeitraum realistisch, als Grundlage für spätere Investitionen.

Was ist langfristig nötig?

Langfristig braucht Kamerun ein Gesundheitssystem, in dem eine Geburt in jeder Region des Landes mit vergleichbarer Sicherheit begleitet wird, unabhängig davon, ob eine Familie in Yaoundé oder in einer entlegenen Gemeinde lebt. Das setzt eine dauerhafte, verlässliche Finanzierung der Mütter- und Neugeborenengesundheit voraus, eine ausreichende Zahl gut ausgebildeter Hebammen und Pflegekräfte, und funktionierende Überweisungsketten zwischen Gesundheitsposten, Bezirkskrankenhäusern und Referenzkliniken. Das nationale Ziel von 70 bis 2030 sollte dabei als Etappe verstanden werden, nicht als Endpunkt.

Wie messen wir Fortschritt?

  • Erstens, die nationale Müttersterblichkeitsrate pro 100.000 Lebendgeburten, auf Basis einer einzigen anerkannten Referenzzahl. Zweitens, der Anteil des Gesundheitsbudgets, der konkret der RMNCAH-Nut-Strategie zugeordnet und tatsächlich ausgeführt wird. Drittens, der Anteil der Geburten, die von qualifiziertem Personal begleitet werden, nach Region. Viertens, die durchschnittliche Zeit zwischen einer geburtshilflichen Notlage und der Ankunft in einer angemessenen Versorgungseinrichtung. Fünftens, das Vorliegen eines jährlichen öffentlichen Umsetzungsberichts zur Strategie 2025-2030.

Unsere Haltung

KAGEDEV vertritt hier keine politische Position und stellt sich nicht gegen das Gesundheitsministerium oder seine Partner. Wir tragen zusammen, was aus öffentlich zugänglichen Quellen zu diesem Thema bekannt ist, und wir benennen, wo Zahlen sich widersprechen oder wo Umsetzung noch aussteht. Unser Anliegen ist, dass eine Frage, die das Leben von Frauen und Familien betrifft, mit der gleichen Sorgfalt behandelt wird wie jede andere Haushalts- oder Gesundheitsentscheidung.

Dialog und Zusammenarbeit

Wir sind offen für ein Gespräch mit dem Gesundheitsministerium, der Direction de la Santé Familiale, UNFPA Kamerun und allen weiteren Beteiligten. Noch keine direkte Konsultation dokumentiert. Sollte eine Einladung zum Austausch erfolgen, sind wir bereit, unsere Perspektive als Diaspora-Organisation einzubringen und zuzuhören.

Quellen und Methodik

Die zentrale Zahl von 406 pro 100.000 stammt aus der EDS-Erhebung 2018 (Schwesternmethode), übernommen von der WHO-Region Afrika. Abweichende Werte von 467 (MICS5, 2018, sekundär) und 782 (EDS-MICS4, ältere Erhebung) stammen von datacameroon.com; die Ursache der Abweichung ist ungeklärt, weshalb wir eine Größenordnung von etwa 400 bis 470 zugrunde legen. Verlaufszahlen von 438 (2020) auf 406 (2022) stammen von Countdown2030; die Chronologie ist zwischen den Quellen nicht einheitlich. Angaben zum Rahmengesetz 96/030, den Normen SR/PF 2018 und der neuen Strategie 2025-2030 stammen aus offiziellen und institutionellen Quellen (MINSANTE, UNFPA, Africa CDC, WHO-AFRO). Budgetzahlen (297,2 und 257,7 Milliarden FCFA) stammen aus dem nationalen Haushaltsgesetz. Diese Recherche wurde als vorläufig eingestuft und sollte vor Veröffentlichung fachlich gegengeprüft werden. ---