KAGEDEV — Kamerunische Gemeinschaft in Deutschland e.V.
Plaidoyer · Sicherheit und KonfliktVeröffentlicht

Kamerun im Schatten der anglophonen Krise: Humanitäre Not in den Nord-West- und Süd-West-Regionen erfordert nachhaltige internationale Unterstützung

Seit 2016 hat der bewaffnete Konflikt in den anglophonen Regionen Kameruns (Nord-West/Süd-West) über 580.000 Menschen zur Flucht innerhalb des Landes gezwungen und mehr als 76.000 weitere ins benachbarte Nigeria vertrieben. 3,3 Millionen Menschen benötigen 2025 humanitäre Hilfe oder Schutz. Während die internationale Finanzierung schrumpft — die USA haben ihren Anteil von rund 50% auf unter 8% reduziert —, drohen Millionen Zivilistinnen und Zivilisten, insbesondere Kinder, ohne ausreichenden Zugang zu Schutz, Bildung und Nahrungssicherheit zurückzubleiben. KAGEDEV ruft zu einem strikt humanitären Engagement auf: Schutz der Zivilbevölkerung, Zugang zu humanitärer Hilfe und Aufrechterhaltung der europäischen Finanzierung.

Veröffentlicht am 13. September 2026Als PDF herunterladen

Auf einen Blick

  • Über 580.000 Binnenvertriebene und mehr als 76.000 Geflüchtete sind direkte Folge des anhaltenden Konflikts in Nord-West/Süd-West Kamerun.
  • 3,3 Millionen Menschen benötigen 2025 humanitäre Hilfe oder Schutz — eine Zahl, die seit Jahren hoch bleibt.
  • Fast 15.000 geschlossene Schulen gefährden die Bildungschancen von Millionen Kindern.
  • Der Rückzug der USA aus der humanitären Finanzierung (von ~50% auf unter 8%) gefährdet bestehende Hilfsprogramme.
  • KAGEDEV fordert ausschließlich humanitäres Handeln — Schutz, Zugang, Finanzierung — ohne jede politische Positionierung.

Zahlen im Überblick

580.000+ Binnenvertriebene
Quelle: OCHA, 08/2025
76.000+ Geflüchtete in Nigeria
Quelle: ECHO
3,3 Mio. Menschen mit humanitärem Bedarf 2025
Quelle: OCHA
2,5 Mio.+ Menschen in akuter Ernährungsunsicherheit, +9% vs. 2023
Quelle: OCHA
Finanzierungsanteil USA: von ~50% auf <8%
Quelle: Alternatives Humanitaires, 11/2025

Worum geht es?

Seit Oktober 2017 herrscht in den beiden anglophonen Regionen Kameruns, Nord-West und Süd-West, ein bewaffneter Konflikt zwischen separatistischen bewaffneten Gruppen und den staatlichen Sicherheitskräften. Der Konflikt hat sich aus einem zunächst politisch-sozialen Streit um die Stellung der anglophonen Minderheit im mehrheitlich frankophonen Staat entwickelt. Unabhängig von den politischen Positionen aller beteiligten Seiten hat der andauernde bewaffnete Konflikt gravierende humanitäre Folgen für die Zivilbevölkerung: Vertreibung, Zerstörung von Infrastruktur, Unterbrechung der Bildung, eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung und Ernährungssicherheit sowie dokumentierte Übergriffe auf Zivilpersonen. KAGEDEV nimmt zu den politischen Grundsatzfragen (Status der Regionen, föderale oder separatistische Forderungen, Legitimität bewaffneter Akteure) ausdrücklich keine Stellung. Dieses Plaidoyer beschränkt sich strikt auf die humanitäre Dimension der Krise.

Wen betrifft es?

- Die zivile Bevölkerung der Regionen Nord-West und Süd-West Kameruns, insbesondere Frauen, Kinder und ältere Menschen. - Über 580.000 Binnenvertriebene (Internally Displaced Persons) innerhalb Kameruns (OCHA, August 2025). - Mehr als 76.000 kamerunische Geflüchtete im benachbarten Nigeria (ECHO). - Rund 3 Millionen Kinder, deren Schulbildung durch Schulschließungen beeinträchtigt ist. - Die kamerunische Diaspora in Deutschland, von der ein erheblicher Teil familiäre Wurzeln in den anglophonen Regionen hat und Angehörige, die selbst vertrieben, geflüchtet oder von der Krise direkt betroffen sind. - Humanitäre Organisationen und ihr Personal vor Ort, deren Handlungsspielraum von Sicherheitslage und Finanzierung abhängt.

Was zeigen die Daten?

Die folgenden Daten stammen ausschließlich aus international anerkannten humanitären Quellen (UN OCHA, ECHO, HRW, Amnesty International): - +580.000 Binnenvertriebene in den Regionen Nord-West/Süd-West (Quelle: OCHA Cameroon Sitrep No. 80, August 2025 — Fiabilität: hoch). - +76.000 kamerunische Geflüchtete in Nigeria (Quelle: ECHO — Fiabilität: hoch, jedoch ohne exaktes Erhebungsdatum in der verfügbaren Zusammenfassung). - 3,3 Millionen Menschen benötigen 2025 humanitäre Hilfe und/oder Schutz landesweit (Quelle: OCHA Humanitarian Needs Overview, Januar 2025 — Fiabilität: hoch). - +2,5 Millionen Menschen in akuter Ernährungsunsicherheit (IPC-Phasen 3–4), ein Anstieg von +9% gegenüber 2023 (Quelle: OCHA — Fiabilität: hoch). - +17.000 individuelle Schutzvorfälle und 600 gemeldete kommunale Vorfälle im Zeitraum Januar–Oktober 2024 in der Region Extrême-Nord und den anglophonen Regionen (Quelle: OCHA — Fiabilität: mittel bis hoch; eine Unterdokumentation ist wahrscheinlich, da viele Vorfälle in Konfliktgebieten nicht erfasst werden). - 14.829 geschlossene Schulen im Jahr 2025 gegenüber 14.364 im Jahr 2024 in den Regionen Nord-West/Süd-West, mit geschätzt über 3 Millionen betroffenen Kindern landesweit (Quelle: Human Rights Watch; diese Zahl sollte im Rahmen einer vertiefenden Prüfung noch anhand der ursprünglichen Primärquelle bestätigt werden — Fiabilität: mittel, Bestätigung ausstehend). - Ein Rückgang ziviler Todesfälle wurde 2024–2025 verzeichnet, den HRW mit einer allgemein verbesserten Einhaltung menschenrechtlicher Standards in Verbindung bringt. Gleichzeitig dokumentiert HRW für das zweite Halbjahr 2024 eine Zunahme außergerichtlicher Hinrichtungen, Entführungen und Überfälle auf Dörfer (qualitative Einschätzung, keine aggregierte Zahl verfügbar, keine eindeutige Zuordnung zu einer bestimmten Konfliktpartei in der zugrunde liegenden Quelle — Fiabilität: mittel, qualitative Quelle). - Finanzierungslücke: Der Anteil der USA an der humanitären Finanzierung ist von rund 50% auf unter 8% gesunken. Die Europäische Union ist inzwischen der wichtigste Geber, mit 17 Millionen Euro, die für 2026 vorgesehen sind (Quelle: Alternatives Humanitaires, November 2025; ECHO — Fiabilität: hoch).

Warum besteht Handlungsbedarf?

Der drastische Rückgang der US-amerikanischen humanitären Finanzierung trifft eine Krise, die nach acht Jahren andauerndem Konflikt noch immer 3,3 Millionen Menschen in Not lässt. Ohne verlässliche und ausreichende Finanzierung drohen humanitäre Organisationen, ihre Programme zur Ernährungssicherung, medizinischen Versorgung und zum Kinderschutz einschränken zu müssen — mit direkten Folgen für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen. Die anhaltend hohe Zahl geschlossener Schulen gefährdet zudem eine ganze Generation von Kindern in ihrem Recht auf Bildung. Die dokumentierten Schutzvorfälle, auch wenn sie wahrscheinlich unterdokumentiert sind, weisen auf einen fortbestehenden Bedarf an ziviler Schutzarbeit hin, unabhängig von der politischen Entwicklung des Konflikts.

Was muss sich ändern?

  1. Aufrechterhaltung und Ausweitung der humanitären Finanzierung durch die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten, einschließlich Deutschland, um die durch den Rückzug anderer Geber entstandene Lücke zu schließen.
  2. Uneingeschränkter humanitärer Zugang für internationale und lokale Hilfsorganisationen zu allen betroffenen Gebieten in Nord-West und Süd-West.
  3. Schutz von Zivilpersonen, insbesondere Kindern, vor allen Formen der Gewalt, unabhängig von der Konfliktpartei.
  4. Wiedereröffnung geschlossener Schulen und Sicherstellung des Zugangs zu Bildung für alle betroffenen Kinder.
  5. Unabhängige Dokumentation von Schutzvorfällen zur besseren Erfassung des tatsächlichen Ausmaßes der humanitären Not.
  6. Unterstützung für Binnenvertriebene und Geflüchtete, einschließlich derjenigen, die nach Nigeria geflohen sind.

An wen richten sich unsere Forderungen?

Auf kamerunischer Seite: - Die Präsidentschaft der Republik Kamerun - Das Komitee zur Nachverfolgung der Empfehlungen des Grand Dialogue National - Das Ministerium für territoriale Verwaltung (MINAT) - Die Gouverneure der Regionen mit Sonderstatus (Nord-West, Süd-West) Auf internationaler Ebene: - UN OCHA Kamerun (Koordination humanitärer Hilfe) - UNHCR (Flüchtlingsschutz) - UNICEF (Bildung und Kinderschutz) - Die Europäische Kommission / ECHO (größter humanitärer Geber 2026) - Die deutsche Botschaft in Jaunde - Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch, Amnesty International und die International Crisis Group (Beobachtung, Dokumentation, diplomatisches Plaidoyer)

Was kann kurzfristig geschehen?

- Informieren Sie sich über die humanitäre Lage in Kamerun über verlässliche Quellen wie OCHA, UNHCR und anerkannte Menschenrechtsorganisationen. - Unterstützen Sie humanitäre Organisationen, die in den betroffenen Regionen tätig sind. - Sensibilisieren Sie Ihr persönliches und berufliches Umfeld für die humanitäre Dimension der Krise, ohne dabei politisch Partei zu ergreifen. - Wenden Sie sich an gewählte Vertreterinnen und Vertreter in Deutschland und der EU, um die Aufrechterhaltung der humanitären Finanzierung für Kamerun einzufordern. - Nehmen Sie Kontakt zu KAGEDEV auf, wenn Sie sich humanitär engagieren möchten.

Was ist langfristig nötig?

Ohne eine spürbare Verbesserung der Finanzierungslage und ohne Fortschritte bei einem inklusiven politischen Dialog ist mit einer weiteren Verschlechterung der humanitären Lage in den anglophonen Regionen zu rechnen. Die zunehmende Rolle der Europäischen Union als humanitärem Hauptgeber bietet die Gelegenheit, Standards für Transparenz, Zugang und Wirksamkeit der Hilfe zu stärken. KAGEDEV wird die Entwicklung weiterhin verfolgen und über gesicherte Quellen berichten.

Wie messen wir Fortschritt?

  • Anzahl der Binnenvertriebenen in den Regionen Nord-West/Süd-West (Basis: 580.000+, OCHA August 2025)
  • Anzahl kamerunischer Geflüchteter in Nigeria (Basis: 76.000+, ECHO)
  • Zahl der Menschen mit humanitärem Bedarf in Kamerun (Basis: 3,3 Millionen, OCHA 2025)
  • Anteil der Bevölkerung in akuter Ernährungsunsicherheit (Basis: 2,5 Millionen+, +9% gegenüber 2023)
  • Anteil der humanitären Finanzierung durch die USA im Vergleich zur EU (Basis: USA <8%, EU größter Geber 2026)

Unsere Haltung

KAGEDEV verfolgt die humanitäre Lage in den anglophonen Regionen Kameruns über öffentlich zugängliche Berichte internationaler Organisationen und steht im Austausch mit Mitgliedern der Diaspora, deren Familien direkt betroffen sind. Der Verein hat wiederholt festgestellt, dass viele in Deutschland lebende Kamerunerinnen und Kameruner Angehörige haben, die vertrieben wurden oder als Geflüchtete in Nigeria leben. KAGEDEV beobachtet die Entwicklung der internationalen Finanzierungslage mit Sorge und hat dieses Thema in den Rahmen seiner grundsätzlich apolitischen, humanitär ausgerichteten Vereinsarbeit aufgenommen. KAGEDEV vertritt keine politische Position zum Status der Regionen Nord-West und Süd-West Kameruns.

Dialog und Zusammenarbeit

Kamerun ist Vertragsstaat der Genfer Konventionen und mehrerer zentraler Menschenrechtsabkommen, die den Schutz der Zivilbevölkerung in bewaffneten Konflikten sowie das Recht auf Bildung und Nahrungssicherheit verankern. Auf kamerunischer Seite wurden 2019 im Rahmen des Grand Dialogue National ein Dezentralisierungsgesetz sowie ein Sonderstatus für die Regionen Nord-West und Süd-West beschlossen. Auf europäischer Ebene finanziert die Europäische Kommission über ihre Generaldirektion für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (ECHO) Programme in Kamerun und ist 2026 voraussichtlich der größte einzelne Geber humanitärer Hilfe für das Land. Eine spezifische aktuelle Stellungnahme des Deutschen Bundestages zur anglophonen Krise in Kamerun konnte im Rahmen dieser Recherche nicht identifiziert werden und wird daher nicht behauptet.

Quellen und Methodik

- OCHA Cameroon Sitrep No. 80 (August 2025): https://www.unocha.org/publications/report/cameroon/cameroon-north-west-and-south-west-situation-report-no80-august-2025 - OCHA Humanitarian Needs Overview 2025 (Januar 2025): https://www.unocha.org/publications/report/cameroon/cameroon-humanitarian-needs-overview-2025-january-2025 - OCHA Länderseite Kamerun: https://www.unocha.org/cameroon - Human Rights Watch, Kapitel Kamerun: https://www.hrw.org/africa/cameroon - Amnesty International, Bericht Kamerun: https://www.amnesty.org/en/location/africa/west-and-central-africa/cameroon/report-cameroon/ - ECHO, Kamerun: https://civil-protection-humanitarian-aid.ec.europa.eu/where/africa/cameroon_en - Alternatives Humanitaires, November 2025: https://www.alternatives-humanitaires.org/en/2025/11/27/humanitarian-organisations-in-the-face-of-underfunding-for-cameroons-crises/ KAGEDEV — Kamerunische Gemeinschaft in Deutschland e.V. Dieses Plaidoyer wurde im Rahmen der satzungsgemäßen, apolitischen und humanitär ausgerichteten Vereinsarbeit von KAGEDEV erstellt. Für Rückfragen, Anmerkungen oder Korrekturen wenden Sie sich bitte an den Vorstand von KAGEDEV über die offiziellen Kontaktkanäle des Vereins (kagedev.org).